Kalt! Kunstwerke der Kaltglastechnik

Berührende Zerbrechlichkeit und messer­scharfe Härte, leuchtende Farbigkeit und glänzende Klarheit – Glas bietet fantastische Möglichkeiten, Kunstwerke von großer Aussagekraft mit ästhetischer und techni­scher Brillanz zu schaffen. Dabei setzen die Kunstschaffenden, die mit Glas arbeiten, nicht allein auf bekannte Arbeitsprozesse wie das Gießen und Blasen des geschmol­zenen, also heißen Glases. So kann das Glas, wenn es wieder erkaltet ist, bei Raum­temperatur und ohne weitere Wärmeeinwir­kung mittels unterschiedlicher Methoden technisch weiterbearbeitet werden, z.B. durch Schneiden, Schleifen, Polieren, Gra­vieren, Ätzen, Laminieren, Kleben, Sand­strahlen, Verdrahten und Bemalen. All diese Schritte in der weiteren Gestaltung bzw. Veredelung des ausgekühlten Glases wer­den unter dem Sammelbegriff „Kaltglas­techniken“ zusammengefasst.

Aus diesem sogenannten „kalten Glas“ schaffen Künstlerinnen und Künstler frap­pierende Werke, die – ausgewählt und nach Gruppen zusammengestellt – im Glasmuse­um Lette zu sehen sind. Beigetragen haben dazu Leihgaben von Künstlerinnen und Künstlern sowie Werke aus der eigenen Museumssammlung. Allesamt lenken sie den Fokus auf die facettenreichen und vielfältigen Möglichkeiten der Kaltglastechniken.

Zu den ausgestellten Künstlern zählt z.B. Marta Klonowska, die mit ihren einzigartigen Tierskulpturen und Installationen seit Jahren auf dem internationalen Kunstmarkt großen Respekt genießt. Nach Motiven auf alten Gemälden konstruiert sie naturalistische Tiere und Figuren mittels Metallgerüste, auf denen sie zahllose, exakt zugeschnittene farbige Glasscherben und -stäbe zusam­menfügt. Wie durch Magie verwandelt sie das kalte, starre Glas so in weiche, lebendi­ge Körper und setzt Kreaturen in den Mittel­punkt, die auf den ehrwürdigen Bildern sonst nur als Statisten fungieren. Auch Josepha Gasch-Muche schafft mit speziel­len Glasscherben faszinierende, schillernde Wandbilder und dreidimensionale Objekte. Sie bricht hauchdünnes, unregelmäßig geformtes Displayglas, das sie über- und nebeneinander schichtet und unsichtbar verklebt. Wenn Licht auf diese Schichtungen fällt, werden ihre Arbeiten lebendig, gerade­zu sinnlich. Sie scheinen sich zu bewegen und zu verändern, je nach Einfallswinkel bzw. Stärke des Lichts und Position des Betrachters. Der Kubaner Carlos Marcoleta ist ein Künstler, der auf vielen Gebieten zu Hause ist – auch im Glas. Mit Raffinesse und handwerklichem Geschick schichtet er nach Maß geschnittene und satinierte Float­gläser übereinander. In ihrer Summe erge­ben sie ein Gebilde, eine Umkehrung aus positiver und negativer Form, das Portrait einer Frau, die sich aus dem Inneren der Scheiben befreien möchte. Je nach Blick­winkel verändert Marcoletas Werk sein Erscheinungsbild, so dass der Betrachter sich schichtweise „Mujer 2“ erobern kann.

Diese und weitere Glasobjekte von Meistern der Kaltglastechniken ergeben ein Zusam­menspiel, das in Ausstellungen selten anzu­treffen ist und den Besuch des Glasmuseums Lette umso lohnender macht.

Es gilt die aktuelle Corona-Schutzverord­nung des Landes NRW!

Foto obenMarta Klonowska, Jeune Femme en Robe à la Polonoise after Pierre-Thomas LeClerc, 2019 – Foto Artur Gawlikowski, Galerie lorch+seidel contemporary

Fotos von links:

Josepha Gasch-Muche, T. 10-01-17, 2017 – Foto Josepha Gasch-Muche

Jens Gussek, Hammer und Sichel, 2016 – Foto Eric Tschernow, Galerie lorch+seidel contemporary

Carlos Marcoleta, Caribena-Mujer 2, 1997 – Foto Horst Kolberg

Masami Hirohata, Natura Morta, 2015 – Foto Eric Tschernow, Galerie lorch+seidel contemporary

Anne Knödler, Hoffnungsglück, 2014 – Foto Eric Tschernow, Galerie lorch+seidel contemporary

Gerd Kruft, Kubus mit Blau, 2006 – Foto Gerd Kruft

Judith Röder, Dickicht 2, 2017 – Foto Eric Tschernow, Galerie lorch+seidel contemporary

Marta Klonowska, Die Versuchung des Heiligen Antonius (Flötenspieler), 2008 – Foto Stephan  Wieland, Galerie lorch+seidel contemporary

Jiří Harcuba, Chopin, 1982 – Foto Ron Zijlstra

Ronald Fischer, Ein Stück Unendlichkeit, 2005 – Foto Ronald Fischer

Olga Pusztay, Tasche, 2008 – Foto Zoltan Szalai

Katharine Coleman, Small Ruby Waterlily, 2014 – Foto Katharine Coleman

Alena Matějka

Wir alle haben unsere ganz eigene Sicht auf die Welt, aber nur wenige Menschen haben den Wunsch, den Mut oder die Begabung, Wahrnehmungen auszudrücken und Ideen mit anderen zu teilen. Seit jeher sind es Künstler und Künstlerinnen, die uns furchtlos und lustvoll ihre Geschichten erzählen, unsere Augen öffnen und unseren Horizont erweitern.

Zu ihnen gehört die mehrfach preisgekrönte Bildhauerin und Glasgestalterin Alena Matějka. Sie verfügt über ein außerordentlich breitgefächertes künstlerisches Portfolio aus unstillbarer Neugier auf das Leben und Freude am Experimentieren.  Ihre ungewöhnlichen Skulpturen, Objekte und Installationen werden weltweit ausgestellt und gesammelt.

Alena Matějka arbeitet nicht ausschließlich mit Glas. Sie verwendet, oft in Kombination, auch andere Elemente, wie z.B. Stein, Marmor, Eis und organische Materialien. Dennoch nimmt Glas einen besonderen Platz in ihrer Arbeit ein. Mit diesem Medium erschafft sie einen fantastischen Kosmos aus Gegensätzen, wie Wahrheit und Dichtung oder Mitgefühl und Ironie. Sie konfrontiert den Betrachter direkt mit der Kraft ihrer Skulpturen und Installationen, verunsichert ihn mitunter und fordert seine Reaktion heraus. Ihre Erzählkunst hat nie einen linearen Verlauf, sondern steckt voller Metaphern und unerwarteter Wendungen. Sie ist eine Meisterin der Übertreibung, Parodoxie und Provokation, und so sind die Geschichten, die sie mit ihren Arbeiten erzählt, immer spannend und inspirierend.

Alena Matějka wurde 1966 im südböhmischen Jindřichův Hradec, Tschechien, geboren. Nach ihrer Ausbildung an der Glasfachschule in Kamenický Šenov studierte sie bis 1997 in der Glasklasse von Prof. Vladimir Kopecký an der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design, wo sie 2005 auch promovierte. Heute lebt sie mit ihrem Mann, dem Steinbildhauer Lars Widenfalk, abwechselnd in Tschechien und Schweden.

Mit unserer neuen Ausstellung laden wir Sie zu einer Begegnung mit Alena Matějkas ebenso kraftvoller wie poetischer Kunst ein. Wir präsentieren rund 40 Wand- und Bodeninstallationen, Skulpturen und Werkgruppen, die allesamt das abwechslungsreiche künstlerische Repertoire dieser Ausnahmekünstlerin widerspiegeln.

 

Foto obenAlena Matějka, Aimable Amie, 2008 – Foto Gabriel Urbánek

Fotos von links:

Alena Matějka, She is not me, 2018 – Foto Gabriel Urbánek

Alena Matějka, Water, 2020 – Foto Gabriel Urbánek

Alena Matějka, Moren Clai Moor of Ptarmigan + Barabas an Clachan of Kilmur, 1998 – Foto Hildegard Morian

Alena Matějka, Between Heaven and Earth, 2015  – Foto Ondřej Kocourek

Alena Matějka, Aimable Amie, 2008 – Foto Gabriel Urbánek

Alena Matějka, Feast (table), 2013 – Foto Gabriel Urbánek (Detail)

Alena Matějka, Feast (table), 2013 – Foto Gabriel Urbánek

Alena Matějka, The House of the Six Hawks, 2007 – Foto Ondřej Kocourek

Alena Matějka, Cuckoo´s Nest, 2015 – Foto Gabriel Urbánek

Alena Matějka, Rose, 2007 – Foto Gabriel Urbánek

Alena Matějka, Treasure Guardians, 2020 – Foto Gabriel Urbánek

Alena Matějka, My Dear, Hunter from Lavondyss, 2009 – Foto Gabriel Urbánek

 

Fernweh

Fernweh – wohl jeder kennt diese starke Sehnsucht, das vertraute Hier und Jetzt zu verlassen und in die weite Welt aufzubrechen. Doch Reisen ist in Zeiten der Corona-Pandemie kompliziert geworden: Reisebeschränkungen, Einreiseregeln, Quarantänevorschriften! Wer in den vergangenen zwei Jahren dennoch verreiste, der wählte meist nähere Ziele. So ist das Fernweh geblieben!

Schon bevor sich der Begriff Fernweh überhaupt eingebürgert hat, kannten Menschen das schmerzliche Sehnen nach Ferne und Weite. Goethe zum Beispiel, der mit dem Wort noch nicht vertraut war, umschrieb es 1822 mit „Fluchtgefühl“, „Sehnsucht ins Weite“ und „umgekehrtes Heimweh“. Die Literatur der Romantik schuf mit dem Begriff der „blauen Blume“ ein Sinnbild für die Sehnsucht nach der Ferne, für die Suche nach dem Unerreichbaren und Unendlichen. Zum ersten Mal tauchte das Wort Fernweh gegen 1835 in der Literatur auf, und zwar in einer Reiseerzählung des berühmten Schriftstellers und Landschaftsarchitekten Fürst Pückler-Muskau. Hier schrieb er, dass er „niemals an Heimweh, vielmehr an Fernweh leide“. Die neue Wortschöpfung wurde rasch aufgegriffen und fand ihren Platz in der Bildungssprache, in Poesie und Kunst.

Im 20. Jahrhundert hat sich dann die Tourismusbranche des Begriffs bemächtigt. Seither wird Fernweh mittels gezielter Werbung quasi künstlich erzeugt, u.a. durch verlockende visuelle Darstellungen von Reisezielen in aller Welt. Es ist so zu einem bedeutenden internationalen Wirtschaftsfaktor geworden. Dabei hat Fernweh nicht nur mit Reiselust zu tun, wie die Wissenschaft heute herausgefunden hat. Tatsächlich kann sich dahinter auch einfach nur der Wunsch nach Veränderung bzw. Abwechslung in einem mehr oder weniger grauen Alltag verbergen. Der eine verspürt vielleicht eine diffuse Unruhe, der andere ist unglücklich und deprimiert. Diesem Leidensdruck kann man durch Reisen entfliehen, oder, wenn das nicht möglich ist, durch das Abtauchen in Fantasiewelten, die sich z.B. in Büchern, im Theater oder aber auch in Ausstellungen in Museen finden lassen. Wissenschaftler bezeichnen Fernweh daher auch als eine wichtige „Kulturtechnik des Daheimbleibens“.

Uns jedenfalls hat die „Kulturtechnik“ Fernweh zu einer neuen Ausstellung inspiriert. Die Sammlung der Ernsting Stiftung hat sich hier einmal mehr als hervorragende Quelle erwiesen: Wir haben uns auf die Suche begeben und dabei das gesamte Spektrum der Sammlung ausgeschöpft. So haben wir eine breitgefächerte Palette unterschiedlichster Skulpturen, Objekte, Gefäße und Wandinstallationen entdeckt, die auf ihre eigene Weise, mal augenzwinkernd, mal nachdenklich, auf andere Länder und Kulturen verweisen und Assoziationen zum Thema Fernweh zulassen. So wird der Rundgang durch die Ausstellung zu einer Reise in die nahe und vor allem in die weite Welt.

Nach aktueller Landesverordnung gilt die 2G-Regel oder die 2G+-Regel!

Foto oben: Jens Gussek, Flugzeug, 1996 – Foto Ron Zijlstra

Fotos von links:

Gareth Noel Williams, Deep in my own world, 2001 – Foto Ron Zijlstra

Vittoria Parrinello, The perimeter of air, 2014 – Foto Vittoria Parrinello

Jens Gussek, Flugzeug, 1996 – Foto Ron Zijlstra

Gabriela Volna, Mensch und Wasser, 2003 – Foto Ron Zijlstra

Michael Behrens, Seaforms 2014-116, 2014 – Foto Paul Niessen

Dale Chihuly, Cerulean Blue Macchia, 1991 – Foto Glasmuseum Lette

Jens Gussek, Blue ship, 2004 – Foto Ron Zijlstra

Ned Cantrell, Tiger in a Tropical Storm, 2016, Detail – Foto Ned Cantrell

Winnie Teschmacher, Light of the soul, 2007 – Foto Louis Sonderegger

Irene Rezzonico, Armadillo cousin from Africa, 1998 – Foto Ron Zijlstra

Kati Kerstna, Drums 1+2, 2014 – Foto Glasmuseum Lette

Ivana Houserova, Butterfly, 2006 – Foto Tomas Hilger

 

„Wenn sich das Glas beim Schleifen wohlfühlt, dann fängt es an zu singen“, sagt Willi Pistor, ein großer Pionier der Glaskunst und einstiger Lehrer an der Glasfachschule Hadamar, der wie seine dortigen Kollegen die handwerkliche Meisterschaft mit einer künstlerischen Vision perfekt vereint.

An der Glasfachschule Hadamar war und ist es bis heute den Lehrenden eine Herzensangelegenheit, junge Menschen für den Werkstoff Glas zu begeistern. So wundert es nicht, dass viele renommierte Glaskünstler und Glaskünstlerinnen in Hadamar gelernt und gelehrt haben.

Die zwischen Köln und Frankfurt gelegene Glasfachschule Hadamar zählt heute zu den bekanntesten Ausbildungs- und Glasveredelungsstätten Deutschlands. Mit großem Potenzial und Know-how bewegt sie sich stets nah am Puls der Glastechnologiebranche. Immer wieder ist es ihr gelungen, ihr Ausbildungsprogramm für die Entwicklungen der beruflichen Praxis zu optimieren und so hervorragende Bedingungen für die Ausbildung zu schaffen.

Gegründet wurde sie 1949 auf Initiative heimatvertriebener Glasfachleute aus den Glaszentren Nordböhmens: Sie hatten sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Hadamar und Umgebung niedergelassen, um dort neue glasveredelnde Betriebe aufzubauen. Ihr Ziel war es, Berufsnachwuchs aus einer eigens eingerichteten Fachschule heranzubilden, wie es auch früher in der alten Heimat üblich war.

Nachdem das Glasmuseum Lette in einer Sonderausstellung 2019/20 bereits das künstlerische Wirken von Schülern der Glasfachschule Hadamar vorgestellt hat, widmet es sich nun in einer umfassenden Revue ihren Lehrenden.

Dabei werden in einem spannenden, breitgefächerten Spektrum unterschiedlichste Arbeiten von 23 Lehrenden gezeigt, die im Laufe der vergangenen sieben Jahrzehnte als Pädagogen und als Künstler in Hadamar gewirkt haben. Einige von ihnen lehren derzeit an der Schule, andere hatten früher einen Lehrauftrag oder sind im Ruhestand, die ersten Pioniere der Schule, die einst bei der Gründung und beim Aufbau beteiligt waren, sind schon verstorben. So sind auch die präsentierten Werke aus den frühen Jahren der Schule von einzigartigem historischen Wert.

Das künstlerische Schaffen all dieser Künstler und Künstlerinnen spiegelt die Entwicklungsgeschichte der Glasfachschule Hadamar wider, in der kontinuierlich neue Techniken und Verfahren aufgegriffen und perfektioniert worden sind.

Besonderer Dank gebührt Reiner Eul, der Glasmalerei, Bleiverglasung und Glasverschmelzung in Hadamar unterrichtet – er fungierte als Vermittler zwischen der Glasfachschule, den Künstlern und dem Glasmuseum Lette. Dank seines Engagements ist es in der neuen Ausstellung möglich, die große Meisterschaft der Lehrenden Revue passieren zu lassen!

 

Fotonachweis: Reiner Eul

Foto oben: Andrea Hebgen, Brassolini-Caligo – Bananenfalter, 2021

Fotos von links:

Andreas Otto, Hommage, 1988

Thomas Kruck, Still Living On The Edge, 1995

Herbert Petters, o.T., Entwurf 1935-40, Ausführung nach 1953

Reiner  Eul, Gestörte Kommunikation, 2021

Willi Pistor, o.T., um 1970 (undatiert)

Josef Welzel, Liegende Figur,1980

Carolin Schwarz, Staatspreis I, 2010

Hans Jorda, o.T. (Meisterstück),1965

 Alfred Otto, Jagdszene, um 1972

Alexander Pfohl, Kristallglasteller, ca. 1928

Kurt Eiselt, Große Vase, 1966/67

Frank Ballowitz, Namnam, 2021

 

 

 

AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNG 2016-2020

2021 kann Stiftungsgründerin und Sammlerin Lilly Ernsting auf 25 Jahre Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit zurückblicken!

Anlass, das neue Jahr im Glasmuseum Lette mit einer besonderen Ausstellung zu beginnen. Zu sehen ist eine Selektion von Exponaten der vergangenen fünf Jahre, die von 2016-2020 in Ausstellungen und auf Reisen erworben wurden. Ein Katalog mit Beiträgen über diese Zeitspanne begleitet die Schau.

Das Spektrum der hauseigenen Ausstellungen und die zahlreichen Reisen durch Europa zeugen von umtriebigen Aktivitäten dieser Zeit. So fanden 270 Objekte ihren Platz in der Sammlung. Aus dieser Fülle sind 60 Objekte nach einem thematischen Leitfaden ausgewählt, der ein breit aufgestelltes Ausstellungs- und Sammlungskonzept vermittelt. Die Lebendigkeit und Vielfalt der Sammlung sind Garant für eine ebensolche Ausstellung, die wie ein buntes Kaleidoskop die überbordende Kreativität der Glasszene wiedergibt. Im Grunde sind die Glasobjekte ein Spiegelbild der Entwicklung des künstlerischen Glases, der künstlerischen Konzepte und der angewandten Techniken.

Wie im Glasmuseum Lette die Ausstellungen und die zahlreichen Objekte in den letzten fünf Jahren zusammenkamen, erzählt der Katalog, mal in einem zusammenfassenden Beitrag, mal in kleinen Werkmonographien. Darin werden die Maximen von Lilly Ernsting nur allzu deutlich: der direkte Kontakt zu den Künstlern, der Besuch von Galerien und Museen, das Prüfen der Objekte vor Ort sowie die Gespräche mit allen Beteiligten. Nur so bleiben Kontinuität und Qualität von Ausstellungen und Sammlung gewahrt. Auf den Reisen wurden Kontakte gepflegt, neue kamen zustande, oft hatten sie neue Projekte zur Folge.

Schaut man sich das Ergebnis der Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit an und blickt auf den Anfang der damals noch privaten Sammlung in den 1970er Jahren, dann stimmt man Lilly Ernsting zu: „Wer hätte das gedacht“!

Bildnacheis:

Foto oben: Alena Matejka, Water, 2020 – Foto Gabriel Urbánek

Fotos von links:

Lars Widenfalk, La Greca, 2019 – Foto: Gabriel Urbánek  /  László Lukácsi, FAN, 2019 – Foto: Liza Lukácsi  / Carol Milne, Purple Reigns, 2016 – Foto: Carol Milne  / Josef Marek, Fusion, 2019 – Foto: Jirí Koudelka  /

Anna Torfs, Parts High – Crystal Gold, 2017 – Foto: Jaroslav  Kvíz  /  Julius Weiland, Down the Rabbit Hole, 2017 © VG Bild-Kunst, Bonn 2024, Foto: Eric Tschernow  /  Antoine Pierini, Vestige Contemporain (VEC1A2), 2017 – Foto: Gaëlle Pierini  /  Jan Surýnek, Igel, 2014 – Foto: Glasmuseum Lette /

Thomas Kruck, Treasure Box, 2013 – Foto: Thomas Kruck  /  Stanislaw Jan Borowski, Sweet delight VS The Pinch a bit Bear, 2013 – Foto: Grzegosz Matoryn  /  Alison Allum, Twitter Troll, 2018 – Foto: Glasmuseum Lette /  Iris Haschek, Fadenwesen, 2018 – Foto: Iris Haschek

 

Antoine Pierini and Friends

Das südfranzösische Städtchen Biot, zwischen Cannes und Nizza in den Alpes Maritimes gelegen, gilt als Hauptstadt des zeitgenössischen Glases in Frankreich. Zahlreiche Glasmacher arbeiten hier auf hohem Niveau. Wahre Enthusiasten, die sich diesem faszinierenden Material voll und ganz verschrieben haben, sind Robert Pierini, sein Sohn Antoine und dessen Frau Gaëlle. Die Familie arbeitet seit Langem Hand in Hand sehr erfolgreich für ihr eigenes Unternehmen: das „Pierini Glass Art Center“.

Die Erfolgsgeschichte der Familie Pierini begann 1980, als Robert Pierini, Pionier der Studioglas-Bewegung in Frankreich, und seine Frau Francine am Fuße des Städtchens Biot eine alte Olivenölmühle aus dem 15. Jahrhundert entdeckten. Sofort erkannten sie das Potenzial dieses magischen Ortes. Sie erwarben und sanierten das historische Gebäude und richteten hier ein Glasstudio ein. 1980 wurde auch Sohn Antoine geboren, der an diesem außergewöhnlichen Ort aufwuchs und seinen Vater Robert fasziniert bei der Arbeit beobachtete. Bereits als Zehnjähriger war er mit den Utensilien seines Vaters wie Pfeife, Holzblock und Schere vertraut. Er erwarb von seinem Vater aber mehr als nur grundlegende Techniken und Kenntnisse – er entdeckte die Freude und Leidenschaft, dieses geschmolzene Material zu beherrschen. Antoine setzte seine Ausbildung später durch Kurse, Residenzen und Mitarbeit in verschiedenen Künstlerstudios, Museen und Kunstzentren in den USA, Japan und Europa fort.

Das Reisen und die Bekanntschaft mit den größten Namen der internationalen Glasszene haben Antoine Pierinis künstlerische Vision bereichert und verfeinert. Seine wichtigsten Themen sind heute der Reichtum und die Zerbrechlichkeit des natürlichen und kulturellen Erbes des Mittelmeerraumes: „Mit meinen Glasskulpturen möchte ich die uralte und vergängliche Poesie mediterraner Kulturen und Landschaften einfangen.“ Antoine Pierini hat einen klaren Stil entwickelt, seine Werke faszinieren sowohl durch ihre Farben als auch durch ihre Formen. Dabei verbindet er traditionelles Wissen mit zeitgenössischen Experimenten und bezeichnet sich gerne als „Künstler der Materie“, der seinen Kreationen eine einfühlsame und poetische Tiefe verleiht.

Die zahlreichen Begegnungen mit internationalen Künstlern brachte die Familie Pierini auch dazu, ein Artist-in-Residence-Programm ins Leben zu rufen. Künstler, die mit den Pierinis die Leidenschaft für das Material Glas teilen, zieht es aus aller Welt nach Biot ins „Pierini International Glass Art Center“, um während ihrer Aufenthalte im Studio zu arbeiten. Sie finden hier ideale Möglichkeiten, im Austausch mit anderen Künstlern neue Arbeiten zu entwickeln, herzustellen und in den Ausstellungsräumen erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Im Jahr 2005 haben Antoine und seine Frau Gaëlle die Leitung des Familienunternehmens übernommen. Tatsächlich hat diese Übertragung nichts am täglichen Leben der Familie geändert, so arbeitet Vater Robert immer noch Seite an Seite mit seinem Sohn Antoine und den anderen Künstlern.

Wir freuen uns sehr auf das Rendevouz mit Antoine Pierini und seinen Freunden. Bienvenue!

 

Foto oben:

Antoine Pierini, Dunes (Installation-blue) – Foto Ilan Dehe

 Fotos von links:

Antoine Brodin, Hypnos, 2018 – Foto Antoine Brodin

Robert Pierini, Plume, 2001 – Foto Gaelle Pierini

Raven Skyriver, Hyppocampe, 2018 – Foto Galla Theodosis

Rob Stern, Solares, 2019 – Foto Ilan Dehe

Nicolas Laty, Snake Berlingot, 2018 – Foto Nicolas Laty

Antoine Pierini, On the Rock, 2017 – Foto  Ilan Dehe

Kelly O’Dell, Homard, 2018 – Foto Galla Theodosis

Gabe Feenan, Squiggle tea, 2018 – Foto Loic Bisoli

Ethan Stern, Blue Fraction, 2018 – Foto Loic Bisoli

Ondrej Novotny, Speculum Multicolor, 2019 – Foto Ilan Dehe

Ethan Stern, Blue Fraction, 2018 – Foto Loic Bisoli

Léo, Toa (P1010859), 2019 – Foto Leo

Galla Theodosis, Tears of Dionysos, 2018 – Foto Galla Theodosis

Video – Glasmuseum Lette

Video - Glasmuseum Lette
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Glasmuseum Lette – Wie entsteht Glas? Aus was besteht Glas? Das Video zeigt die wichtigsten Infos über die Entstehung von Glas und gibt einen Überblick über die einzigartigen Glasobjekte im Glasmuseum Lette.

NEUERWERBUNGEN 2019

„Ich mag es, wenn Bilder in mir aufsteigen, die Situationen oder Beziehungen be­schreiben. Sie ins Glas zu bringen, ist Freude – am Glas, dem Licht und manch­mal an der inneren Berührtheit“, so be­schreibt Heikko Schulze Höing seine Arbeit mit dem künstlerischen Medium Glas. Wir konnten im vergangenen Jahr seine mehr­schichtige Graal-Vase „Herz der Finsternis“ für unsere Sammlung erwerben, für die er beim renommierten „Immenhäuser Glas­preis 2019“ mit dem ersten Preis ausge­zeichnet worden ist. Die schattenhafte Überfanggravur erinnert an Scherenschnitte und bekommt durch das nachgelagerte innere Motiv der Flüchtenden eine zusätz­liche Dimension. Auch die drittplatzierte Arbeit „Fadenwesen“ von Iris Haschek hat uns überzeugt. Meisterlich führt sie die Pâte de Verre-Technik bis an die Grenzen: Zarte, azurblaue Pilze wachsen aus ver­kohltem Holz heraus, der ewige Lebenszy­klus vom Werden und Vergehen!

Die Suche nach aufregender Kunst aus Glas führte uns im vergangenen Jahr zu einigen besonderen Events. So erwies sich etwa die „British Glass Biennale 2019“ in Stourbridge als ein echtes High­light! Wir konnten hier fantastische Werke erwerben, darunter „Curled over“ von Nina Casson McGarva. Die junge Künstle­rin wurde in England geboren, wuchs aber im ländlichen Burgund in Frankreich auf. So verwundert es nicht, dass die verschie­denen Phänomene der Natur ihre große Inspiration sind. Sie sagt: „Das Material Glas ist für mich am lebendigsten, wenn es heiß ist und sich verwandelt. Das End­ergebnis ist fest, aber fragil, und es behält eine dynamische Form sowie Strukturen und Muster wie trockene Blätter, Federn oder Muscheln.“ Auch Allister Malcolms Vasenobjekt „Bubble-Wrap“ weckte unser Interesse, sein ausgeprägter Sinn für Design und seine makellose Verarbeitung über­zeugen. Anregung findet er übrigens unter Wasser, wenn er beim Tauchen Blasen beobachtet, die, mit jedem Atemzug freigesetzt, ihre Reise an die Oberfläche antreten.

In den Niederlanden machten wir mit Han de Kluijver eine weitere spannende Neu­entdeckung. Er ist Architekt, der seit vielen Jahren auch als visueller Glaskünstler arbeitet. Mit großem Erfolg, erst 2019 wurde er beim Wettbewerb “Glasplastik und Garten” der Stadt Munster mit dem ersten Preis ausgezeichnet! Jedes seiner Glasobjekte gleicht einer architektonischen Kreation: eine feste Form im Raum. Das Genre Skulptur ist Zentrum des künstleri­schen Schaffens der japanischen Künstle­rin Masayo Odahashi. Ihre meditativen Figuren, meist sind es junge Mädchen, wirken nach innen gekehrt und strahlen eine stille Kraft aus, als könnten sie uns den Weg zur inneren Ruhe weisen.

Mit einer Präsentation voller Novitäten begrüßen wir Sie zur ersten Ausstellung in 2020. Seien Sie gespannt!

 

Foto oben:

Iris Haschek, Fadenwesen, 2018 (Foto Iris Haschek)

Fotos von links:

Han de Kluijver, Mesocosm, 2010 (Foto Tomas Hilger)

László Lukácsí, FAN, 2019 (Foto Liza Lukácsí)

Masayo Odahashi, In my hands II, 2018 (Foto Galerie B)

Simone Fezer, Cell (aus der Serie Organix), 2014 (Foto Simone Fezer)

Heikko Schulze Höing, Herz der Finsternis, 2019 (Foto Peter Hübbe)

Tomáš Brzoň, Shark, 2015 (Foto Jiří Koudelka)

Nina Casson McGarva, Curled over, 2019 (Foto Nina Casson McGarva)

Allister Malcolm, Bubble-Wrap, 2019 (Foto Simon Bruntnell)

Freies und angewandtes Glas aus der Staatlichen Glasfachschule Hadamar

Die hessische Kleinstadt Hadamar, idyllisch am Rande des Westerwaldes zwischen Köln und Frankfurt gelegen, beherbergt seit 1949 ein modernes, kompetentes Bildungszentrum für Glastechnik und Glasgestaltung.

Die Staatliche Glasfachschule Hadamar zählt heute zu den bekanntesten Ausbildungs- und Glasveredelungsstätten Deutschlands. Gegründet wurde sie 1949 auf Initiative heimatvertriebener Glasfachleute aus den Glaszentren Nordböhmens, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Hadamar und Umgebung niedergelassen hatten und dort neue glasveredelnde Betriebe aufbauten. Ihr Ziel war es, Berufsnachwuchs aus einer eigens eingerichteten Fachschule heranzubilden, wie es auch früher in der alten Heimat üblich war.

Dank eines zukunftsorientierten Managements, nah am Puls der Glastechnologiebranche, ist es der Schule immer wieder gelungen, ihr Ausbildungsprogramm für die Entwicklungen und Erfordernisse der beruflichen Praxis zu optimieren. Ununterbrochen haben Schulleitungen und Lehrkräfte an Novellierungen von Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrplänen für die glasbe- und -verarbeitenden Berufe mitgearbeitet, und so hervorragende Bedingungen für die Ausbildung geschaffen.

Der gute Ruf der Schule zieht heute junge Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet nach Hadamar, nicht selten auch aus europäischen Nachbarstaaten, aus Asien und Afrika. Sie kommen, um einen glashandwerklichen bzw. industriellen Beruf zu erlernen, sich in der Technik weiterzubilden, gestalterisch zu arbeiten.

Die mehrjährige Berufsfachschule bietet eine Erstausbildung in den Berufen Glaser, Glasapparatebauer, Glasveredler (Kanten- und Flächenveredelung, Glasmalerei und Kunstverglasung). Weitere Schulformen sind eine Zweijährige Fachschule für Technik, Berufsschule sowie ein Lehrgang zur Meistervorbereitung beim BIV.

Der Umgang mit dem Material Glas eröffnet den Schülern aber auch Perspektiven, einen eigenen schöpferischen Ausdruck zu finden. So wundert es nicht, dass viele renommierte Glaskünstler aus der Glasfachschule Hadamar kommen.

In unserer neuen Ausstellung präsentieren wir rund 50 Werke von ehemaligen Absolventen und jetzigen Schülern. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie beherrschen den Umgang mit den unterschiedlichen Glastechniken perfekt, doch brechen und interpretieren sie auf eigene Weise die Anforderungen der Glasfachschule Hadamar neu. Die Werke sind abstrakt, skulptural, narrativ, ironisch oder auch einfach nur schön – eine breitgefächerte Palette künstlerischen Schaffens!

 

Foto oben:

Alexandra Lesch, Fischdrache, 2002 (Foto Alexandra Lesch)

Fotos von links:

Elvira Bach, o.T., 1985 (Foto Derix Glasstudios, Taunusstein)

Fritz Prehal, Gegen den Strom, 2014 (Foto Lena Prehal)

Elisa Ekler, Schmetterlings Kronenleuchter, 2017/18 (Foto Elisa Ekler)

Gabriele Küstner, Deckelgefäß 3.B.2007, 2007 (Foto Max Hundertmark, Fotostudio Maxwell)

Samuel Weisenborn, Destruction,  2019 (Foto Samuel Weisenborn)

Thomas Kruck, Treasure Box, 2013 (Foto Thomas Kruck)

Sandra Urban, Seelenverwandte, 2017 (Foto Reiner Eul)

Jochen Härter, o.T.  (Wettbewerbsarbeit), 2017 (Foto Reiner Eul)