Stanislaw Borowski

1982 in Rheinbach angekommen, beginnt für den Polen Stanislaw Borowski ein Lebensweg, auf den er auch heute noch dankbar zurückblickt: „Ich hatte so unfassbar viel Glück in meinem Leben, bin im richtigen Moment den richtigen Menschen begegnet, habe richtige Entscheidungen getroffen. Ich konnte mich als Künstler verwirklichen, ich habe eine tolle Familie, mir fehlt es an nichts.“

Er zählt heute zu den renommiertesten Glaskünstlern der Welt und gilt als unangefochtener Meister der Gravur. In seinen Arbeiten verbindet er auf einzigartige Weise die vielfältigen Techniken der Glasbearbeitung mit der Gravur, um seine faszinierend detailreichen, oft surrealistischen Bildwelten zu gestalten. 1944 wurde Stanislaw Borowski im französischen Moutiers geboren, wo sein Vater als Arbeitsmigrant in der Kohlenindustrie beschäftigt war. Vier Jahre später lockte die Aufbaupropaganda der neuen Volksrepublik Polen die Familie zurück in ihre Heimat. Der junge Stanislaw spürte bereits sehr früh seine künstlerische Ader, allerdings musste er auf Wunsch seines Vaters zunächst einen soliden Beruf erlernen. Er wurde Mechaniker. 1964 führte ihn der Zufall zur Glashütte von Krosno – der Funke sprang über. Prompt ließ er sich in der Hütte anstellen, um die verschiedenen Bereiche von Glasproduktion und -gestaltung zu erlernen. Doch die industrielle Arbeit in der Glashütte konnte seinen künstlerischen Drang nicht befriedigen.

Heimlich richtete er sich eine Werkstatt in der Garage seiner Tante ein, experimentierte intensiv, aber unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen, mit dem Werkstoff Glas und studierte die Fachliteratur. Erste Kontakte zu deutschen Künstlern und Galerien ergaben sich dann 1977 bei der Ausstellung zum 1. Coburger Glaspreis. Als Stanislaw Borowski 1982 nach Rheinbach zog, ging seine Karriere steil bergauf. Endlich konnte er arbeiten, seine Werke in Ausstellungen präsentieren und sich mit anderen Künstlern wie Pavel Molnár, Udo Edelmann, Gerd Kruft, Erwin Eisch und Jack Ink austauschen.

In den USA gelang ihm ein sensationeller Durchbruch, Galerien und Sammler rissen sich quasi um seine Arbeiten. Die Nachfrage war so groß, dass neue Produktionsmöglichkeiten unabdingbar wurden. Diese fand Borowski vorübergehend in Hennef bei Bonn, und seit 1992 dauerhaft im polnischen Bunzlau, wo er sich eine eigene private Glashütte errichtete. In der Zwischenzeit nahmen auch seine Söhne Pawel und Stani Jan ihren Weg als Glaskünstler, während Wiktor zum Manager des Familienunternehmens avancierte – eine glückliche Situation für den arrivierten Glaskünstler, dass sein Talent und seine Liebe zum Glas in der nächsten Familiengeneration weiterleben.

Unsere neue Ausstellung ermöglicht einen Blick auf Stanislaw Borowskis Lebenswerk. Im Zentrum stehen seine ersten Arbeiten aus Rheinbach, die Phase der Eroberung des amerikanischen Marktes und die Zeit bis ins neue Jahrtausend. Seine Werke präsentieren wir nicht nur im Kontext mit ausgesuchten Exponaten seiner früheren künstlerischen Weggefährten, sondern auch im Zusammenspiel mit Arbeiten seinen beiden Söhnen Pawel und Stani Jan. Die Staffelübergabe ist vollzogen, Stanislaw Borowski Lebenswerk reicht in die Zukunft!

Fotos von links:

Stanislaw Borowski, The Grande Valentino II, 2005, Leihgabe THE EKARD COLLECTION – Foto Grzegosz Matoryn

Stanislaw Borowski, White Ship, 2003, Leihgabe Borowski – Foto Sasa Fuis

Stanislaw Borowski, Deep from my heart, 2005, Leihgabe Borowski – Foto Sasa Fuis

Stanislaw Borowski, Tales from the blue Lagoon, 2006, Leihgabe Borowski – Foto Sasa Fuis

Günter Wagner

Günter Wagner ist Bildhauer – das Glas ist für ihn ein künstlerischer Bedeutungsträger. Seine Werke sind eine Komposition aus unterschiedlichen, präzise bearbeiteten Materialien. Patiniertes Gusseisen, Stahl und Blei gehen konzeptuell mit Glas- oder Spiegelelementen eine Verbindung mit dem Licht und dem umgebenden Raum ein. Meist schafft Wagner geometrische Formen, die virtuos in ihrer unterschiedlichen Materialität ihre gegensätzlichen Wirkweisen transportieren. Leichtigkeit und Schwere, Lichtdurchlässigkeit und Kompaktheit vereinen sich zu einem äußerst ästhetischen Wechselspiel. Gemeinsam bauen sie Spannung und Entspannung auf, die ihrerseits in eine geradezu meditative Kraft münden. In Günter Wagners Objekten, Wandarbeiten und Installationen erleben wir Glas in einer für uns ungewohnten Dimension. Wenn er fragiles Glas mit massivem Metall verbindet, verkehrt sich die Wahrnehmung des Betrachters – denn beide Materialien können mal den Part des ruhenden, lastenden oder den des bewegten, leichten Momentes einnehmen. Die beiden Elemente Leichtigkeit und Schwere scheinen dabei mühelos ineinander überzugehen. Aus dieser Bipolarität beziehen seine Werke ihre innere Spannung und Anziehungskraft.

Günter Wagner, 1955 in Karlsruhe geboren, lebt seit vielen Jahren in Bruchsal. Er studierte zunächst Grafik und Malerei in Marburg, um dann ein Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe anzuschließen. 1988 erhielt er ein Projektstipendium des Bonner Kunstfonds für Bildhauerei in Italien. Seine Arbeiten werden mit großem Erfolg in ganz Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien und in der Schweiz ausgestellt. Erst in diesem Jahr wurde er mit dem Kunstpreis der Museumsgesellschaft Ettlingen ausgezeichnet.

Gemeinsam mit dem Kunstverein Münsterland in Coesfeld haben wir Günter Wagner eingeladen, sein materialübergreifendes Schaffen in zwei Parallelausstellungen zu präsentieren: Sie können seine Werke hier im Glasmuseum Alter Hof Herding und ab dem 21. Juni im Kunstverein Münsterland, Jakobiwall 1 in Coesfeld, erleben.

 

Fotos von links:

Günter Wagner, Aufgesetzt, 1998 – Foto Günter Wagner

Günter Wagner, Ikarus, 2004, Foto Günter Wagner

Günter Wagner, Hommage an Giovanni da Bologna, 2006 – Foto Horst Kolberg

Günter Wagner, Doppelkeil, 1996 – Foto Hildegard Morian

20 Jahre Glasmuseum Alter Hof Herding, 10 Jahre Glasdepot Höltingshof

Mit einem Plakat fing alles an: Eigentlich sind Kurt (1929-2011) und Lilly Ernsting Ende der 1970er Jahre in den Bayrischen Wald zum Wandern gefahren. Ein Blick auf ein Plakat mit Glasobjekten machte dem ursprünglichen Vorhaben jedoch Konkurrenz. Ohne die Folgen dieses Besuches zu erahnen, sahen sie sich eine Glasausstellung an. Spontan stellten beide fest, dass sie mehr als nur neugierig und interessiert an dieser speziellen Kunstrichtung waren. Man möchte es als den besonderen Funken bezeichnen, der auf beide beim Betrachten der Vasen, Schalen oder auch Skulpturen übersprang.

Lilly Ernsting erwarb ihr erstes Objekt – eine Schale vom Künstler Willi Pistor – und weitere Glasobjekte folgten. Bereits zu Beginn der 1990er Jahre blickte sie auf eine beachtlich gewachsene Glassammlung. Der Wunsch, diese auszustellen und die Freude am Glas auch mit anderen zu teilen, festigte sich. Den gewünschten Ausstellungsort fand sie im Alten Hof Herding, den sie mit ihrem Mann in den 1970er Jahre gekauft und vor dem Abbruch gerettet hatte. So eröffneten Kurt und Lilly Ernsting vor 20 Jahren das Glasmuseum Alter Hof Herding in Coesfeld-Lette. Vieles ist in den zwei Jahrzehnten geschehen: 79 Ausstellungen präsentierten die Kunst aus Glas von Künstlern, Studenten und Schülern aus Europa, viele Reisen zu Ausstellungen, Messen und Künstlerateliers führten quer durchs In- und Ausland, und viele Glasobjekte (bis dato rund 1.822) fanden ihre Heimat in der beachtlichen und sehenswerten Glassammlung des Museums. Dabei wird an der Maxime fest gehalten, nur aktuelles, zeitgenössisches Glas zu sammeln. Nicht zurückzuschauen, sondern nach vorne, wird bis heute in der Museumsarbeit und seiner Kernaufgabe des Sammelns beherzigt.

Zu seinem Geburtstag schenkt sich das Glasmuseum eine große Jubiläumsausstellung mit einem umfangreichen Katalog. Gezeigt und publiziert sind die Neuerwerbungen der letzten 10 Jahre, also von 2006 bis 2015. Die Glasobjekte aus den Jahren von 1996 bis 2005 sind bereits in Katalogen publiziert, so dass auf eine erneute Veröffentlichung verzichtet wurde. Zugänglich sind die Kunstwerke aus der ersten Dekade in der Tenne im Alten Hof Herding und im Glasdepot im Höltingshof. Das Glasdepot mit seiner Schausammlung im benachbarten Höltingshof feiert ebenfalls Geburtstag. 2006 eröffneten Kurt und Lilly Ernsting erneut zur Förderung der Glaskunst diese zweite Einrichtung, die bislang in Deutschland noch immer einmalig ist. Aus einer zufälligen Begegnung mit dem Glas ist eine Lebensaufgabe geworden. Mit einer bescheidenen Zahl von Kunstwerken aus Glas begann Lilly Ernsting, sich mehr und mehr mit dem künstlerischen Glas auseinanderzusetzen. Heute blickt sie auf ein etabliertes Glasmuseum mit einer fundierten Glassammlung. …wer hätte das gedacht!

 

Fotos von links:

Katharine Coleman, Small Light Blue Haeckel Bowl, 2014 – Foto Katharine Coleman

Karen Lise Krabbe, Blind Boxes for NoThing, 2012 – Fotograf Enok Holsegaard

Karlie Sears, Pale Cluster, 2009 – Foto Horst Kolberg

Michael Behrens, Underwater-World 100-08, 2008 – Foto Paul Niessen

Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle

Die Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle (Saale) hat eine traditionsreiche Geschichte. 1915 wurde sie offiziell als Kunstgewerbeschule im Sinne des Deutschen Werkbundes gegründet. Als 1925 das Bauhaus in Weimar aufgelöst wurde, kamen von dort zahlreiche Vertreter an die Burg. Die Burg Giebichenstein blieb bis 1989 eine der einflussreichsten Ausbildungsstätten für Designer und Künstler in der DDR. 1989 wurde sie als Kunsthochschule erneut umstrukturiert und die Ausbildung ist seitdem international ausgerichtet und findet fachbezogene Unterstützung durch Industrie, Wirtschaft, private und öffentliche Institutionen. In der Fachklasse Bild/Raum/Objekt/Glas kommen junge Künstler zusammen, um sich intensiv dem Material Glas zu widmen. Dabei ist bereits der Name der Klasse Programm – ein Statement für Material und Kontext! Nach diesem Prinzip setzen sich die Studierenden konzeptionell mit Glas auseinander. Sie erlernen bzw. verfeinern hier nicht nur handwerkliche Fähigkeiten, sondern werden auch dazu angehalten, die plastischen und künstlerischen Eigenschaften des Materials Glas auszuloten. Bei einem hohen handwerklichen Anspruch rücken so Idee, Konzept und Diskurs in den Vordergrund. Es entsteht ein Prozess, in dem die jungen Künstler die Aus-Bildung ihrer individuellen künstlerischen Sprache erleben, formale und gesellschaftliche Haltungen beziehen, um sich so mit ihrer Arbeit zu positionieren. In unserer Ausstellung präsentieren wir aktuelle Ergebnisse dieses Prozesses, der auch für eine neue Betrachtung des Glases in der zeitgenössischen Kunst steht: Es werden raumgreifende Installationen, Wandobjekte und Skulpturen aus gegossenem oder geblasenem Glas, oft in Verbindung mit anderen Materialien, gezeigt. Sie alle zeugen von Esprit, Humor und Tiefsinn, aber auch von großem handwerklichem Know-how. Die Arbeiten stammen von 11 Künstlern – eine Gruppe, die sich unter der Leitung von Dozent Sebastian Richter als Team versteht. Begleitet werden sie von ihrer Professorin, der renommierten Künstlerin Christine Triebsch.

Zu Gast sind:

Carl Bens, Felicitas Fässler, Wilhelm Frederking, Eri Hayashi, Juliane Hoffmann, Nora Manthei, Anne Martin, Alexander Roschke, Johannes Michael Rudloff, Jorge Sanchez Di Bello, Jakob Schreiter, Jenny Trinks, Sebastian Richter, Christine Triebsch.

 

Fotos:

Jorge Sanchez Di Bello, Elvia Cortés, 2015 – Foto AHH

Anne Martin, Fraktale Geometrie, 2016 – Foto Anne Martin

Eri Hayashi, Eine Insel, 2015 – Foto Uli Kühnle

Jakob Schreiter, Space Solid, 2015 – Foto AHH