Neuerwerbungen 2008

Wie jedes Jahr hat die Stiftung auch 2008 wieder zahlreiche Künstler, Galerien, Messen und Akademien im In- und Ausland besucht. Ziel ist dabei immer, aktuelle Tendenzen und Entwicklungen der internationalen Glaskunst zu entdecken. Zum Standard gehört bereits die „Stippvisite“ zur Londoner Kunstausstellung Collect – eine wahre Fundgrube, um Arbeiten junger Künstler außerhalb Europas kennenzulernen. Die Stiftung freut sich deshalb sehr, Ihnen u. a. außergewöhnlich gearbeitete Glasobjekte der drei jungen Australier Tali Dalton, Nicole Ayliffe und Tavita Havea vorstellen zu können.

Als besonders sehens- und lohnenswert erwies sich eine Reise nach Tschechien. Höhepunkt war sicher Prag, das dortige Zentrum zeitgenössischer Glaskunst. An der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design traf man vielversprechende junge Künstler, die sich mit dem Glas auf überzeugende Weise auseinandersetzen. Die Stiftung konnte auch Arbeiten von bedeutenden tschechischen Künstlern wie Jaromir Rybak, Ronny Plesl und Jan Fišar erwerben. Eine interessante Begegnung gab es in Prag mit Bohumil Elias junior, der als junger Glaskünstler seinem berühmten, inzwischen leider verstorbenen Vater folgt. Seine Arbeiten sind nichtsdestotrotz sehr eigenständig – massive, raumgreifende Monumente, die fast vergessen lassen, wie zerbrechlich das Material Glas in Wirklichkeit ist.

Neben diesen externen Akquisitionen, bereichern auch die Neuzugänge aus den eigenen Ausstellungen des Jahres 2008 die Sammlung. So erwarb die Stiftung u. a. zwei Kleider der niederländischen Künstlerin Patula Berm. Ihre Ausstellung „My dresses“ hatte sich zu einem echten Publikumsliebling entwickelt. „Mirrow Image“ ist dauerhaft im Konzert Theater Coesfeld ausgestellt, „Memories of Lavander“ kann im Glasmuseum Alter Hof Herding bewundert werden. Auch Exponate aus der Studentenausstellung „Experiment Glas“ des Instituts für Künstlerische Keramik und Glas in Höhr-Grenzhausen haben ebenso einen Standort in der Glassammlung gefunden wie Werke von Peter Bremers und Michael Behrens. Ihre Ausstellung „Wasser und Eis“ tauchte das Glasmuseum für einige Wochen in Licht und Farben und machte derart Furore, dass die Besuchszahlen ein neues Rekordhoch erreichten.

Freuen Sie sich also mit uns auf eine spannende, abwechslungsreiche neue Ausstellung!

Fotos von links:

Nicole Ayliffe, Vinyard, 1997 – Foto Michal Kluvanek

Tali Dalton, Memories, 2007 – Foto Jeremy Dillon

Jaromir Rybak, Schale mit Fischen, 2005 – Foto AHH

Bohumil Elias jr., Under the depht, 2008 – Foto Gabriel Urbánek

Beyond Abstraction – Mehr als man sieht

Was gibt es jenseits der Abstraktion zu entdecken? Keine einfache Antwort, denn Abstraktion bezeichnet den Prozess, der aus dem konkret Erkennbaren und Gegenständlichen das Allgemeine und Begriffliche herausfiltert oder das Wesentliche aus dem Unwesentlichen löst. Die drei aus den Niederlanden kommenden Künstler Simsa Cho, Menno Jonker und Winnie Teschmacher stellen sich dieser Aufgabe. Was man nicht sieht, interpretieren sie mit meisterhaften Arbeiten auf ganz unterschiedliche Weise. Trotz hoher Abstraktion sind die Themen ihrer Arbeiten wahrnehmbar. Sie offenbaren sich dem Betrachter mal spielerisch, mal ernst und immer materialgerecht.

Simsa Cho wurde 1962 in Chiba, Japan, geboren. Nach seinem Studium an der Tama Art University in Tokio zog es ihn nach Amsterdam an die Rietveld Akademie. Inzwischen hat er seinen Weg über die großen holländischen Galerienkreise hinaus gefunden. Poetisch, manchmal fabulierend, schöpft Simsa Chos künstlerische Sprache aus der reichen Quelle des Unbewussten. Seine eigenwilligen Skulpturen, die er oft mit anderen Materialien kombiniert, erzählen geheimnisvolle Geschichten, zuweilen mit Humor und Ironie.

Menno Jonker, 1968 im niederländischen Castricum geboren, wandte sich erst 1997 dem Glas als künstlerischem Medium zu. Dennoch wurde er bereits 2001 vom Corning Museum of Glass (USA) zu den besten Glaskünstlern der Welt nominiert. Seine Arbeiten werden wegen ihrer technischen Perfektion, der einzigartigen Formensprache und des innovativen Umgangs mit dem Material Glas geschätzt. Die organischen, schmiegsamen Formen seiner Objekte verführen den Betrachter dazu, seinen haptischen Neigungen nachzugeben und die harmonischen Konturen zu erspüren. So haben sie eine starke emotionale Kraft, welche die intensiven, ungewöhnlichen Farbtöne noch unterstreichen. Menno Jonkers künstlerische Sprache wirkt lyrisch, und er bekennt sich voll und ganz zur Ästhetik des Glases.

Winnie Teschmacher, 1958 in Rotterdam geboren, kann auf eine langjährige und breitgefächerte Erfahrung mit dem Material Glas zurückblicken. Nach dem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Rotterdam und der Freien Akademie in Den Haag eröffnete sie bereits 1983 ihr eigenes Glasatelier. Als freischaffende Künstlerin und Designerin war sie für verschiedene Glasfabriken tätig. In ihrer künstlerischen Arbeit dringt sie wie eine Mystikerin zum Kern der Dinge vor. Dabei entstehen Werke aus einer klaren, rationalen Architektur, deren Formensprache sich mit Harmonie, Stille und Spiritualität kongenial vereint.

Die Ernsting Stiftung freut sich sehr, Ihnen in der neuen Ausstellung „Beyond Abstraction“ diese drei außergewöhnlichen Künstler vorstellen zu können.

 

Fotos von links:

Simsa Cho, Twilight Energy, 2002 – Foto Ron Zijlstra

Menno Jonker, Atlantic Ridge Crater, 2007 – Foto Jeroen van der Spek

Winnie Teschmacher, Equillibrium 1, 2006 – Foto AHH

Winnie Teschmacher, Light of the soul, 2007 – Foto Louis Sonderegger

„Made in NRW“

Spitzenleistungen im künstlerischen, schöpferischen Gestalten – dafür verleiht das Land NRW seit 1962 alle zwei Jahre einen Staatspreis. Vergeben wird er in acht verschiedenen Werkbereichen, darunter auch in der Sparte Glas. Inzwischen gilt der Staatspreis NRW als der bedeutendste Preis seiner Art in Deutschland. Das Glasmuseum Alter Hof Herding ist deshalb sehr stolz, Ihnen in einer neuen, spannungsreichen Sommerausstellung Werke aus Glas von sieben Staatspreisträgern präsentieren zu können:

In diesem Jahr wurde Klaus U. Hilsbecher für die außergewöhnliche formale Sprache seiner geometrisch abstrakten Glasobjekte ausgezeichnet. Thomas Lemkes Plastiken, oft geometrische Grundkörper, faszinieren und irritieren durch ein transparentes Wechselspiel von Innen und Außen. Mit der Wahrnehmung des Betrachters spielen auch Uta Majmudars klare und gleichzeitig vielschichtige Objekte aus massiven Glasstäben und Drahtgeflecht. Die gläsernen Plastiken von Gerd Kruft offenbaren in Perfektion den eigentlichen Charakter des Materials: Transparenz, Reflektion, Facettenreichtum. Dagegen verbindet Lothar Göbel Glas mit Sandstein und Basaltlava – hier gelingen klare, nahezu puristische Formen, die dennoch überraschend natürlich anmuten. Georg Lindens eindrucksvolle Installationen scheinen einen Dialog zwischen Licht, Farbe und Raum entstehen zu lassen. Helga Reay-Young erfasst durch die intensive Wechselwirkung von Glas mit Naturmaterialien das Wesen des Lichtes neu.

 

Fotos von links:

Thomas Lemke, Goldquadrat, 2004 – Foto Horst Kolberg

Gerd Kruft, Blauer Keil + Blaues Quadrat, 2005 – Foto Horst Kolberg

Helga Reay-Young, Lichfänger, 2003 – Foto Horst Kolberg

Lothar Göbel, o.T., 2007 – Foto Horst Kolberg

Klaus U. Hilsbecher, In-Einander – Staatspreis NRW 2007 – Foto Horst Kolberg

Georg Linden, Wächter I, 2003 – Foto Georg Linden

Uta Majmudar, Körperform, 2004 – Foto Horst Kolberg

„Een eigenzinnige weg“

Einen eigenständigen Weg zu gehen, setzt Freiheit, Weitblick und Souveränität voraus. Die Glasabteilung am Instituut voor Kunst en Ambacht im belgischen Mechelen meistert diese Herausforderung auf hohem Niveau. Dabei hat sie wahre Pionierarbeit geleistet, denn vor ihrer Gründung im Jahr 1985 gab es in Belgien keine Tradition in der freien Glaskunst und Glasausbildung und folglich keine hochentwickelte Glasgeschichte und Studioglasbewegung. Bewundernswert ist, dass die Lehrenden und Lernenden am IKA frei und selbstbewusst mit dem künstlerischen Medium Glas umgehen und nicht festgefahren sind – weder in klassischen handwerklichen Traditionen noch in künstlerischen Experimenten. Und es verwundert auch nicht, dass sich ein „IKA-Stil“ bislang nicht entwickeln hat. Flämisches Glas zeigt heute eine lebendige Frische, Offenheit und Vielfalt.

Das besondere künstlerische Potential eines jeden Studenten zu fördern steht im Mittelpunkt der Lehre. Kandidaten aus verschiedenen Ländern, unter ihnen auch bereits ausgebildete Künstler, schreiben sich am IKA ein. Eine innovative, inspirierende Atmosphäre ist so entstanden, in der sich Ideen, Hintergründe und Arbeitsweisen mischen und gegenseitig befruchten. Auf der technisch-handwerklichen Ebene vermittelt das IKA eine ungewöhnlich fundierte Ausbildung. Gelehrt werden heute alle wesentlichen Disziplinen im Heißglasbereich (z.B. Blasen, Gießen oder Fusing) und in der Kaltbearbeitung (u.a. Gravur, Schleifen, Polieren).

Die Studierenden in Mechelen stehen der anspruchsvollen künstlerischen Aufgabe gegenüber, das empfindliche Gleichgewicht zwischen Ästhetik, Ausdruck und Technik selbst zu finden und zu definieren. Wie außerordentlich gut sie diesen Balanceakt beherrschen, belegen ihre Werke. Installationen, Skulpturen, Flachglas- oder Mixed Media-Gestaltungen, geblasene und gegossene Objekte – sie alle spiegeln den hohen technischen und ästhetischen Anspruch des IKA wider.

Die Stiftung freut sich deshalb sehr, Ihnen in der neuen Ausstellung „Een eigenzinnige wegArbeiten von 14 Studenten und Absolventen der Glasabteilung des IKA Mechelen vorstellen zu können. Begleitet werden sie von Sandra De Clerk, die seit 2002 die Glasabteilung leitet.

 

Fotos von links:

Sylvie Van den Bosch, Manu´tribute seed, 2009 – Foto AHH

Olivier Devos, Fluide, 2008 – Foto AHH

Paul Funcken, Casa Vetro 1, 2008 – Foto Studio Hentschel

Mai Renders, o.T., 2008 – Foto Mai Renders

Julius Weiland

Eine geradezu sinnliche Ausstrahlung haben die Neonarbeiten des Berliner Künstlers Julius Weiland. Leuchtende Farben in warmen Rot, Gelb und Grün, kombiniert mit blauen bis purpurfarbenen Tönen schaffen einen einzigartigen, bannenden Lichtraum. Das Neon-Licht taucht die Wände in Farbspektren und reflektiert zugleich dank der vorhandenen Glasflächen. Die schwebenden Objekte lenken den Betrachter und führen ihn auf ungewohnte Weise mit überraschenden Perspektiven und Durchblicken einmal völlig neu durch den Raum. Die einfache Formensprache der Objekte entwickelt sich aus der Kreisform, und mit ihr spielt Weiland souverän. Er bildet Dopplungen, Überlagerungen von zwei gleichen Formen oder Spiegelungen und evoziert optische Täuschungen.

Das Glasmuseum widmet sich dem jungen, aufstrebenden Künstler Julius Weiland erstmalig in einer Einzelausstellung. Thematisch reflektiert sie auf den Zeitpunkt von 2000 bis heute. In den vergangenen Jahren konnte die Stiftung drei Werke von Julius Weiland erwerben, die für die Sammlung stilistisch wie technisch eine Bereicherung sind. Fortan nahm die Beobachtung dieses Künstlers ihren Lauf. Weiland macht es den Sammlern leicht, ihn im Blick zu halten: Mehrfach wurde er mit Preisen ausgezeichnet – 2004 erhielt er den „Gold Prize“ der International Exhibition of Glass Kanazawa in Japan, 2006 den Coburger Glaspreis, 2007 den Jutta Cuny-Franz Preis. Julius Weiland ruht sich auf seinen Lorbeeren nicht aus, er geht weiter, sucht und findet neue Ansätze.

Zwei Aspekte verfolgt die Ausstellung: Sie zeigt den Weg Julius Weiland an Hand ausgesuchter Objekte und sie stellt ihn in den Kontext der Sammlung. Hier eröffnete sie dem Künstler die Gelegenheit, nach eigenen Vorstellungen Objekte der Sammlung mit seinen Werken zu kombinieren. „Luminous Space“ ist eine Werkschau der besonderen Art, zu der wir Sie herzlich einladen.

 

Bildnachweis:

Julius Weiland, Neon#11, 2008 © VG Bild-Kunst, Bonn 2024, Foto: Julius Weiland

 

Neuerwerbungen 2009

„Mit Glas zu arbeiten lehrt Disziplin, Respekt und Geduld, aber wenn man sich darauf einlässt, erhält man eine Art bunter Botschaft, voller Energie, Liebe, Lebensfreude und Hoffnung“, so beschreibt die Künstlerin Anne Hein ihre Arbeit mit dem Medium Glas – eine Botschaft, die auch beim Betrachten von Glaskunst ihr Ziel erreicht. Anne Hein gehört zu den großartigen jungen Talenten der aktuellen Glasszene. Mit verschiedenen Preisen wurde sie in den letzten Jahren ausgezeichnet, 2007 erhielt sie z.B. den Staatspreis des Landes Rheinland-Pfalz. Ihre Werke bestechen durch eine unglaubliche Zartheit; Schalen, die an fein gesponnenes Gewebe erinnern, obgleich sie – man kann es sich kaum vorstellen – aus einer Art Glasschlamm geschaffen wurden.

Viele innovative Künstler hat die Stiftung im vergangenen Jahr auch auf dem internationalen Parkett getroffen. So lernte man bei einem Besuch der Ausstellung „Connections“ in Prag Arbeiten der Dänin Pipaluk Lake kennen. Sie ist eine ungeheuer kreative Künstlerin, fasziniert von den schier unerschöpflichen Möglichkeiten, die sich durch die Verbindung von Glas, Metall und anderen Elementen ergeben. „Was wäre, wenn…?“ – die Frage ist während des Schaffensprozesses ihre wichtigste Motivation. Mit großer Freude stellte die Stiftung auf ihren Reisen fest: Glas als künstlerisches Medium ruft bei bildenden Künstlern ein wachsendes, intensives Interesse hervor. So verließ die mexikanische Künstlerin Rebeca Huerta Viga sogar ihre Heimat, um im Glaszentrum Prag ihre Arbeit mit Glas unter professionellsten Bedingungen ausüben zu können.

Künstlerische Neuentdeckungen machte die Stiftung übrigens 2009 auch bei den eigenen Ausstellungen im Glasmuseum. Durch ihren freien, erfrischenden Umgang mit Glas begeisterten z.B. die Studenten der Glasabteilung des IKA Mechelen, (Belgien) auch die Besucher – die Schau „Een eigenzinnige weg“ entwickelte sich zum absoluten Publikumsliebling! Die niederländische Künstlerin Winnie Teschmacher, die sich zusammen mit Simsa Cho und Menno Jonker dem Ausstellungsthema Abstraktion widmete, überraschte alle mit der klaren, in sich ruhenden Architektur ihrer Glasobjekte. Daneben konnte die Stiftung auch einige der ungewöhnlichen Gefäße des renommierten Künstlers Franz Xaver Höller erwerben, der über seine Ausstellung „Form-Wandel“ sagte, dass sie ein Meilenstein seiner Künstlerkarriere sei. Diese Schau fasste die Themen seines Lebenswerkes zusammen und öffnete gleichzeitig die Tür zu neuen Arbeiten mit optischem Glas.

Freuen Sie sich auf eine abwechslungsreiche neue Ausstellung mit einem Querschnitt der aktuellen Glaskunstszene und Künstlern, über die man sagen möchte: Stars on the rise!

 

Fotos von links:

Rebeca Huerta Viga, Infinity Spring, 2008 – Foto Horst Kolberg

Pipaluke Lake, Carry away I, 2008 – Foto Horst Kolberg

Anne Hein, Diabolo, 2009 – Foto AHH

František Janak, Capricorn, 2005 – Foto Frantisek Janák

 

Jung, Frisch und Frei – The Young, the Beautiful and the really Annoying

Unter diesem Titel steht nicht nur die aktuelle Ausstellung im Glasmuseum Alter Hof Herding, er umschreibt auch das Konzept der renommierten Glasabteilung der Amsterdamer Gerrit Rietveld Akademie, die international hohes Ansehen genießt und junge Künstler aus aller Welt anzieht.

Glas und die Rietveld Akademie verbindet eine besondere gemeinsame Geschichte: Seit Sybren Valkema 1966 den Fachbereich Glas im Akademiegebäude einrichtete, haben sich Lehre und Kunstschaffen wechselseitig beeinflusst und befruchtet. Zweifelsohne hat sich die Rolle des Glases in der Kunst während der letzten 40 Jahre grundlegend gewandelt. Waren es lange Zeit vorwiegend Künstler der Studioglasbewegung und des Free Designs, die das Material entdeckten, so hat es mit all seinen Möglichkeiten und Facetten inzwischen Eingang in die Welt der „schönen Künste“ gefunden. Neben anderen Materialien ist auch Glas zum Medium geworden, ein künstlerisches Konzept, eine Idee zu übertragen und zu visualisieren.

Glas als visuelles Medium? Genau hier setzt heute auch die Lehre an der Rietveld Akademie ein: sie möchte ihre Studenten dazu befähigen, ihre Arbeiten in Einklang mit den komplexen Ansprüchen von moderner Kunst und Design zu bringen. Die Glasabteilung der Rietveld Akademie ermutigt deshalb zu einem innovativen, experimentellen und interdisziplinären Gebrauch des Glases. Jeder Student wird dabei unterstützt, sein besonderes künstlerisches und konzeptionelles Potential zu entfalten, seine eigene visuelle Sprache zu entwickeln und die Arbeit im Kontext mit der Zeit, in der wir leben, zu reflektieren und zu hinterfragen. Glas ist ein schwieriger Stoff – um mit ihm arbeiten zu können, müssen auch handwerkliche Fähigkeiten und Know-How erworben werden. Materialkenntnis, die jeder Künstler braucht, um sein Konzept umzusetzen und das Kunstwerk zu schaffen, wird an der Rietveld Akademie vorausgesetzt.

Die Stiftung freut sich sehr, Ihnen in der neuen Ausstellung „Jung, Frisch und Frei“ Arbeiten von 19 Studenten und Absolventen der Glasabteilung der Amsterdamer Rietveld Akademie präsentieren zu können. Begleitet werden die jungen Künstler von Caroline Prisse, die seit 2003 die Glasabteilung leitet. Die außergewöhnlich freien Glasobjekte, Skulpturen und Mixed-Media-Installationen sind visualisierte Geschichten, sie sprühen vor Frische, Unbefangenheit, Ideenreichtum und unerwarteten Perspektiven in die Kunstszene.

 

Fotos von links:

Xandra Bremers, Morella, 2010 – Foto Paul Niessen

Frederic van Overschelde, Short stories – Trapped soul, 2008 – Foto Horst Kolberg

Sabrina Metselaar, o.T., 2010, Leihgabe Sabrina Metselaar – Foto Sabrina Metselaar

Mia Lerssi, Freedom belongs to the man who has the balls to take it, 2008, Leihgabe Mia Lerssi – Foto Alma Anselmi

Netz, Stab, Stachel – Weltbild und Poesie.

Lampenglas – der etwas irreführend klingende Name bezeichnet eine besondere Technik, mit der Glasobjekte nicht am Ofen, sondern vor der offenen Flamme eines Gasbrenners, der sogenannten „Lampe“, geformt werden. Bis Mitte des 19. Jhd. war dies tatsächlich eine mit zusätzlicher Luft versorgte Öllampe.

Lampenglas ist eine sehr alte Technik, ihre Ursprünge reichen bis in die Antike. Traditionell gilt sie als Kunst der kleinen Form, die es ermöglicht, Perlen, Miniaturen, Verzierungen oder kleinformatige Gefäße perfekt zu gestalten. In den letzten Jahren wurde dieser Typus Glas jedoch von einigen Künstlern schöpferisch weiterentwickelt und in völlig neue Dimensionen gebracht.

Mit freien, plastischen, teilweise auch großformatigen Objekten haben sie das Lampenglas geradezu revolutioniert und ihm in der modernen Kunst neue Möglichkeiten eröffnet:
Mauro Bonaventura (*1965 in Venedig) verwendet das nostalgische Material Muranoglas. Er dreht und rollt Glasfäden zu kugelförmigen Gebilden auf, bis lichtdurchflutete, oft sphärische Formen, Figuren und Details in leuchtenden Farben entstehen. Auch die Israelin Dafna Kaffeman (*1972 in Jerusalem) setzt sich über traditionelle Techniken der Lampenarbeit hinweg. Unmengen von spitzen Glasstacheln bringt sie Stück für Stück auf eine Silikon-Matrix auf: Ihre Objekte sind zerbrechlich, verletzbar und auch deshalb von außergewöhnlicher Anziehungskraft. Richard Meitner (*1949 in Philadelphia, USA) ist einer der arriviertesten Künstler und schon seit langem in der Sammlung Ernsting vertreten. In seiner innovativen, technisch vielseitigen Arbeit hat der in Amsterdam lebende „Allrounder“ auch das Lampenglas stets neu für sich entdeckt und weiterentwickelt. Seinem Stil bleibt er dabei mit Witz und Poesie treu. Steffen Orlowski (*1966 in Lauscha) spielt in seinen Arbeiten mit der Kombination zweier Materialien: Er versetzt aus Silber gegossene Miniaturfiguren als Protagonisten in abstrakte Räume aus Glas. In diesem Wechselspiel von Abstraktion und Realität entstehen Szenarien, die von Gefühlen und Beziehungen erzählen. Olga Pusztay (*1958 in Ungarn) arbeitet mit Lampenglas aus der Industrie. Für ihre filigranen, durchlässig gestalteten Formen und Installationen verbindet sie Glasröhren und kleine Zweige zu einer harmonischen Einheit: Symbol für das Beziehungsgeflecht von Mensch und Natur. Die Suche nach Leichtigkeit in einer Welt voller Dualismen ist zentrales Thema bei Nadja Recknagel (*1973 in Schmalkalden). Glasstäbe werden in der Flamme „verstrickt“ und netzartig aufgebaut: Zarte und dennoch raumgreifende Objekte entstehen, die Leichtigkeit und Kraft vereinen.

 

Fotos von links:

Mauro Bonaventura, The Human Condition, 2010 – Foto AHH

Steffen Orlowski, Erkenntnis, 2006 – Foto Steffen Orlowski

Nadja Recknagel, Beziehungsweise(n) 3, 2004 – Foto Horst Kolberg

Olga Pusztay, Tasche, 2008 – Foto Zoltan Szalai

Richard Meitner, Au Contraire!, 2010 – Foto AHH

Dafna Kaffeman, Wolf 03, 2004 – Foto Galerie Lorch + Seidel

 

Udo Zembok

„Glas ist der einzige Werkstoff, der die Farbe aus der Tiefe zum Vorschein bringt. Ich versuche, diese dritte Dimension der Farbe zu erarbeiten“ – dieser Herausforderung widmet sich Udo Zembok seit Beginn seiner künstlerischen Arbeit mit Glas.

Seine monumentalen Skulpturen und Installationen leuchten in intensiven Farbtönen.
Sie entstehen aus komplexen Schichtungen, die sich optisch mischen, so wie die Farben und Lasuren auf einer Malerpalette. Lichteinwirkungen und die Übergänge zwischen den Farben lassen in den Glasobjekten Tiefen entstehen, in denen sich Farbe zu materialisieren scheint. Seine Objekte strahlen eine fast übersinnliche Kraft aus. Sie ziehen den Betrachter magnetisch an und fordern ihn zu einem Dialog auf. Man möchte in ihr tiefes Innere dringen und sie erfassen, doch sie bleiben unergründlich und behalten ihr letztes Geheimnis für sich.

Udo Zembok, 1951 in Braunschweig geboren, lebt seit 1978 als freischaffender Künstler in Frankreich. Nach seinem Studium der Grafik und Malerei ging er 1976 erstmals an die Arbeit mit dem Werkstoff Glas heran. Sehr schnell folgten Auftragsarbeiten für öffentliche Gebäude und Sakralbauten. Mehrfach wurde er für seine Arbeit mit internationalen Preisen ausgezeichnet. So erhielt er z.B. 2003 den Französischen Staatspreis für Kunst und Handwerk, 2006 den 2. Platz bei der Verleihung des Coburger Glaspreises.

Ob in der autonomen oder der angewandten Kunst, Udo Zembok bleibt als Künstler immer er selbst. Er ist Maler, er malt auf Glas und mit Glas und das erlaubt ihm, mit Licht zu malen und eine Tiefe zu erzeugen, die nur mit dem Medium Glas möglich ist. Wie kein anderer versteht er es, die ihm eigene Farb- und Formensprache auf allen Ebenen seiner Arbeit zu wahren – seine freien Skulpturen und architekturbezogenen Objekte verbindet eine universelle Idee.
Diese besondere Stärke macht ihn wegweisend für andere Künstler. Seit vielen Jahren lehrt er als begehrter Gastdozent an Hochschulen und Institutionen in Europa und den USA zum Thema Farbraum und Licht in Schmelzglastechniken.

Die neue Ausstellung zeigt seine aktuellen Arbeiten, darunter zwei monumentale Skulpturen. In die eine darf man hineingehen und sie durchschreiten, die andere, die jüngste Arbeit, wurde exklusiv für diese Werkschau konzipiert und auf die Architektur des Glasmuseums Alter Hof Herding abgestimmt.
Herzlich willkommen – Bienvenue!

 

Fotos von links:

Udo Zembok, Coeur, 2008, Leihgabe Udo Zembok – Foto Udo Zembok

Udo Zembok, Bleu 2, 2007 – Fotograf Henri Gaud

Udo Zembok, Noir-Orange, 2010 – Foto Udo Zembok

Udo Zembok, La Porte étroite, 2010, Leihgabe Udo Zembok – Foto AHH

Neuerwerbungen 2010

Mit rund 60 Objekten ist die Ausstellung Neuerwerbungen 2010 auch dieses Mal ein Spiegel der internationalen Kunst in der Sparte Glas.

Der Besuch vieler Kunststätten (Messen, Galerien, Künstlerateliers und -studios) machte es wieder einmal deutlich: Deutschland ist in punkto Glas sehr umtriebig und für Künstler aus aller Welt mehr als eine gute Adresse. Dank seiner wegweisenden und nachhaltigen Entwicklung und dank seiner hervorragenden Glashütten und Glaswerkstätten ist Deutschland dabei, zu einem regelrechten Schmelztiegel für jene zu werden, die sich dem Material Glas verschreiben.

Dass Künstler die Metropole Berlin als Schauplatz der Kunst ansehen ist selbstredend, dass Berlin nun auch für das Glas ein Standort wird, ist noch eine recht junge Entwicklung. Mit Julius Weiland zeigte das Glasmuseum bereits 2009 einen Vertreter dieses Genres. Neu in der Sammlung ist die Arbeit „Freedom“ des australischen Künstlers Scott Chaseling, der seit einiger Zeit in Berlin lebt und arbeitet. Für sein ausdrucksstarkes Werk wurde der Geschichtenerzähler und Philosoph in den vergangenen Jahren gleich mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Und noch ein Neuzugang aus Berlin: Wilken Skurk mit seinem Werk „Quingelwingelqui“, dessen Ausdruckskraft einmal mehr die Phantasie anregt. Auch die Bereisung in andere Regionen blieb für das Glasmuseum nicht ohne Folgen.

Eine sehr lebendige junge Glasszene zeigt sich etwa an der Rietveld Akademie in Amsterdam, auf der Burg Giebichenstein in Halle und an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Dort lernten wir Laura Jungmann und die Spanierin Berta Riera Pomés kennen. Beide sind mit Arbeiten vertreten, die in dem Workshop „Designing by Making“ im französischen Centre International d´Art verrier (CIAV) in Meisenthal entstanden sind. Die Studenten experimentierten zusammen mit erfahrenen Glasmachern mit ungewöhnlichen Materialien und Methoden. Für beide Seiten war die Zusammenarbeit sehr befruchtend und führte zu ungeahnten Ergebnissen.

 

Fotos von links:

Bertil Vallien, Janus II, 2009 – Foto G. Örtegren

Laura Jungmann, Carbonize II, 2010 – Foto Laura Jungmann

Ivana Houserova, Solar wind, 2009 – Foto Tomas Hilger

Wilken Skurk, Quingelwingelqui, 2006, Foto – Jan Röhl