Barbara Nanning

Der Ankauf dreier autonomer Werke der niederländischen Künstlerin Barbara Nanning für die Glassammlung im Jahre 2009 hatte auch das persönliche Kennenlernen der Künstlerin zur Folge. Die Art und Weise, wie Barbara Nanning in breitgefächerten Werkreihen das Medium Glas versteht, beeindruckte die Stiftung, so dass sie sich entschloss, ihr in einer Einzelausstellung Beachtung und Respekt zu erweisen. Nun ist es soweit: Die Stiftung freut sich sehr, Ihnen in der Ausstellung  „Ewiger Frühling – Eternal Spring“ Barbara Nannings brandneue Arbeiten präsentieren zu können.

Barbara Nanning, 1957 in Den Haag geboren, hatte sich nach ihrem Studium an der Amsterdamer Rietveld Akademie zunächst mit außergewöhnlich individuellen Keramikarbeiten einen Namen in der internationalen Kunstszene gemacht. Erst danach wandte sie sich dem Glas zu, und zwar im Rahmen eines Auftrages für das National Glasmuseum und die Königlichen Glaswerke Leerdam. Die Leidenschaft für dieses Material war somit entfacht und die künstlerische Laufbahn ging in eine neue Richtung. Für Barbara Nanning ist die Natur mit ihrer facettenreichen, oft widersprüchlichen Form- und Farbwelt eine schier unerschöpfliche Quelle der Inspiration. So sind auch ihre Werke voller Gegensätze, sie vereinen amorphe und rigide Strukturen, Freiheit und Ordnung, handwerkliche Perfektion und den Einsatz unerwarteter Materialien.

Eine wahre Initialzündung, die sie zu ihren neuen Arbeiten anregte, erlebte die Künstlerin 2010 auf ihrer Reise zur Glashochburg Nový Bor in Tschechien, wo sie seit vielen Jahren zusammen mit professionellen Glasbläsern an ihren Projekten arbeitet. Sie machte unterwegs Station im sächsischen Meißen und besuchte dort eine Porzellanausstellung – sofort sprang der Funke über, diese weiße Pracht und Schönheit in Glas umzusetzen. So entstanden in Tschechien nur wenig später Werke von hoher Ästhetik, Frische und haptischem Reiz – allesamt Botschafter des ewigen Frühlings. Barbara Nannings abwechslungsreiches neues Repertoire umfasst sowohl Wand- und Bodeninstallationen, solitäre und Gruppenobjekte, auch humoreske Stücke wie die kleinen, roten Kussmäulchen der Wandarbeit  „Kiss Kiss Kiss“ sind darunter.

 

Fotos von links:

Barbara Nanning, Bernsteinfarbener Seetang, 2011 – Foto AHH

Barbara Nanning, Verre d´eglomise, 2007 – Foto Tom Haartsen

Barbara Nanning, WV 1, 2011 – Foto Horst Kolberg

Barbara Nanning, Meeresschwämme 1-3, 2011 – Foto AHH

 

Dänisches Glas – Danish Glass

Dänisches Design ist eine Marke, die weltweit einen hervorragenden Ruf genießt. Ob in der Architektur und Industriefertigung, ob im Handwerk oder im Kunstgewerbe bis in die Kunst hinein, ohne Design geht nichts mehr in Dänemark. Vielfalt, Offenheit und frische Farben kennzeichnen dieses Land aus großen und kleinen Inseln, edel, formvollendet und zeitlos zeigt sich seine Kunst – besonders die aus Glas. Denn seine Tradition in der Glasverarbeitung ist lang und berühmt, so konnte sich neben den touristischen Pfaden der kleinen Glasbläsereien eine qualitätvolle und originelle Glasszene entwickeln. Unvoreingenommen mischen sich hier Design und freie Kunst zu einem Kaleidoskop schöpferischer Entfaltungsmöglichkeiten.

Auf ihrer Reise durch die dänische „Glas-Landschaft“ lernte die Stiftung geballte Kraft dänischen Potentials kennen. Und sie betritt Neuland: Sechs Künstler mit sechs verschiedenen Positionen zu diesem Werkstoff repräsentieren einen Querschnitt des aktuellen Dänischen Glases:

Lene Bødker, Trine Drivsholm, Micha Karlslund, Pipaluk Lake, Tobias Møhl und Steffen Tast sind ambitionierte Künstler von internationalem Ruf. In den 1990er Jahren schafften sie ihren künstlerischen Durchbruch und errangen zahlreiche nationale wie internationale Preise.
Lene Bødker entwickelt ihre monochromen Skulpturen aus geometrischen Formen, deren Umrisse meist geschlossen sind und vor allem in der Oberflächenbearbeitung räumliche Tiefe wie Plastizität erfahren. Trine Drivsholms künstlerischer Ausgangspunkt ist die Gebrauchsform des Glases. Seine Funktionalität verfremdet sie allerdings im Kontext skulpturaler Kombinationen. Micha Karlslunds bizarre Objekte sind inspiriert vom Mikrokosmos der Zellen. Sie ermöglichen einen Blick auf die sonst verborgene unglaubliche Vielfalt und Tiefe des Lebens. Innovativ experimentiert  Pipaluk Lake mit den Möglichkeiten des Glases beim Schmelzprozess, auch in Verbindung mit Metall: Ihre Glasskulpturen sind Momentaufnahmen dieser Transformation. Tobias Møhl ist Designer par excellence – mit Hilfe modernster venezianischer Techniken entwirft er minimalistisches dänisches Design aus organischen und sehr sinnlichen Formen. Steffen Tast, ein Meister des Details, schafft mit großer Präzision hängende Rauminstallationen und Objekte aus zahlreichen gleichförmigen und gleichgroßen Floatgläsern, Fiberglas und Metall. Seine Themen entlehnt er aus der Natur.

 

Fotos von links:

Tobias Møhl, Glassweaver Vessel, 2011 – Foto AHH

Lene Bødker, Cylinder, 2007 – Foto Horst Kolberg

Micha Karlslund, Cells, 2003 – Foto AHH

Pipaluk Lake, Reticulate, 2009 – Foto Jesper Palm

Trine Drivsholm, Green Vessel, 2011 – Foto Horst Kolberg

Steffen Tast, Screw-screw, 2011 – Foto AHH

Prag – Ústí nad Labem – Zlín

Prag – Ústí nad Labem – Zlín: Gleich drei renommierte tschechische Hochschulen präsentieren in unserer neuen Ausstellung Arbeiten von Studenten und Absolventen ihrer Glasabteilungen – ein aufregender Querschnitt jungen Glases made in Czech Republic. An den tschechischen Hochschulen entdeckt man heute einen lebendigen und facettenreichen Umgang mit dem Medium Glas. Viele junge Künstler aus aller Welt zieht es in die Tschechische Republik, um hier zu lernen oder mit den erstklassigen tschechischen Glasstudios gemeinsam zu arbeiten. Schon immer galt Glas als internationales Aushängeschild tschechischer Kunst und Designs. War bereits böhmisches Glas Jahrhunderte lang ein begehrter Exportartikel, so entdeckten tschechische Künstler in den 50er Jahren auch die künstlerische Ausdruckskraft des Materials: Glaskunst wurde zu einer eigenständigen Kunstform mit weltweiter Strahlkraft. Auch in der Welt des tschechischen Designs geht die kreative Arbeit mit dem Glas heute neue, äußerst erfolgreiche Wege.

Die Akademie für Kunst, Architektur und Design in Prag hat eine lange, wechselvolle Geschichte. Sie begann 1885, als im Sinne Gottfried Sempers, Verfechter einer Synthese von Kunst und Technik, die bedeutende Prager Kunstgewerbeschule (kurz UMPRUM) gegründet wurde. 1947 wurde sie mit dem Status einer Hochschule reorganisiert. Leiter des Glasstudios ist seit 2008 der international gefragte Spitzendesigner Rony Plesl. Ilja Bílek, dessen Werke weltweit große Anerkennung finden, ist seit 1996 Kopf des Glasstudios der Jan-Evangelista-Purkynĕ-Universität in Ústí nad Labem. Ziel des 1992 eingerichteten Studios ist eine breitgefächerte künstlerische, handwerkliche und technologische Ausbildung von Studenten, die bereits eine Glasschule absolviert haben. Seit seiner Gründung im Jahr 2008 leitet der renommierte Künstler Petr Stanický das Glasatelier der Tomáš-Bat´a-Universität in Zlín. Um eine authentische künstlerische Position zu entwickeln, sind die Studenten hier zu konzeptionellem Denken aufgefordert. Das Glas ist kein Selbstzweck, sondern ein Medium, um gesellschaftliche Themen künstlerisch zu reflektieren.

 

Fotos von links:

Kateřina Handlová, The Black Hole 1, 2010 – Foto Kateřina Handlová

Tereza Anderlová, Cup for ice cream, 2010 – Foto Tereza Anderlová

Anna Minxová, Watermelon enterprise, 2011 – Foto Horst Kolberg

Luba Bakicová, Oxymoron 1, 2009 – Foto Ilja Bílek

Neuerwerbungen 2011

„Glas ist wie ein Gedanke – es kann in sehr verschiedenen Formen erscheinen, so schwer wie ein Block oder so zart wie der Flügel eines Schmetterlings. Seine Transparenz erlaubt einen Einblick in das verborgene Innere der Dinge und auf die Balance von sichtbarer und unsichtbarer Welt.“ Poetisch beschreibt die estnische Künstlerin Kairi Orgusaar ihre Sichtweise auf das Glas. Und betrachtet man die rund 60 Neuzugänge der Sammlung, so ist man dieser Philosophie ganz nah. Mit Kairi Orgusaar machte die Stiftung ihre erste Begegnung mit estnischen Künstlern, die in Westeuropa noch relativ unbekannt sind, sich aber abseits der traditionellen Glashochburgen eigenständig entwickelt haben und zu hervorragenden Leistungen gelangen. Ihre Arbeiten zeugen von einem tiefen Gespür für die Materialqualitäten des Glases, wie z.B. Mare Saares berührend zartes Pâte de verre-Objekt „Casting Shadow“ oder Ivo Lills Schliffobjekt „Lace 1“ mit seiner klaren, ästhetischen Formensprache.

Die Stiftung suchte auch bewusst altbekannte Künstler erneut auf: Sehr beeindruckt haben die aktuellen Werke der Französin Anne-Lise Riond Sibony, die den Blick auf alltägliche Gegenstände mit ungewohnten Emotionen konfrontieren. Nur augenscheinlich präsentiert das dreidimensionale Stillleben „Mangez le Omega 3“ eine oppulent arrangierte Fischplatte, die den momentanen Gesundheitstrend („Essen Sie Omega 3-Fettsäuren“) auf den Punkt bringt. Tatsächlich aber degradiert die moderne (Ess-)Kultur die lebendige Kreatur, ja die ganze Natur, zu einem unbelebten Objekt, das wir gedankenlos für unseren modernen Lifestyle benutzen.

Der belgische Künstler Giampaolo Amoruso erweckte mit seinen „Dandy“-Figuren rege Aufmerksamkeit, die liebevoll-ironisch mit den Attributen der Männlichkeit spielen. Extravagant gekleidet, aber ein wenig in sich gekehrt, bereichert einer von ihnen, „Ernesto, le Dandy“, nun die Sammlung.

Lassen Sie sich einladen zu einer inspirierenden Entdeckungsreise in die Welt des zeitgenössischen europäischen Glases!

 

Fotos von links:

Ivan Mares, Rope Egg, 2008, Foto O. Kocourek

Kairi Orgusaar, The Kiss, 2010 – Foto Kati Kerstna

Anne-Lise Riond Sibony, Mangez des omegas 3, 2011 – Foto Jean-Marc Gourdon

Giampaolo Amoruso, Ernesto, Le Dandy, 2010 – Foto Horst Kolberg

Nabo Gaß

Der Künstler Nabo Gaß ist ein Erzähler – seine Geschichten gibt er preis in Bildern aus Glas. Ihn inspirieren eigene Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen, aber auch erschütternde Nachrichten und Widersprüchlichkeiten unserer komplexen Welt.

Die Transparenz des Glases offeriert ihm konkurrenzlos, seine Geschichten, Schicht für Schicht zu erzählen. Er nimmt gemahlenes Glas, teigt es mit Leim an und malt mit Pinsel oder Spatel seine Bildmotive auf ein Trägerglas. Es entsteht eine mehrdeutige, facettenreiche Überlappung der verschiedenen Bildebenen – ähnlich dem Wechselspiel unserer Gedanken und Wahrnehmungen, die sich, losgelöst von zeitlichen Abfolgen, unentwegt überlagern.

Nabo Gaß, 1954 in Ebingen (Baden-Württemberg) geboren, lebt und arbeitet in Wiesbaden. Nach einer klassischen Ausbildung zum Glasmaler studierte er in den siebziger Jahren an der Wiesbadener Freien Kunstschule und an der Hochschule der Künste in Berlin. Um seine Ideen in Glas umsetzen zu können, entwickelte er neue Techniken der Glasgestaltung: 1989 eine fotogenaue Sandstrahltechnik, 1994 das Malen mit Farbglasmehl. Neben seinen freien Arbeiten befasst sich Nabo Gaß mit der architekturbezogenen Glasgestaltung von öffentlichen und privaten Bauten. Für seine Säulen an der Via Publica in Wiesbaden wurde er 1999 vom Corning Museum of Glass (USA) ausgezeichnet. Vor mehr als 10 Jahren begann er Photovoltaik künstlerisch in die Architektur zu integrieren und erhielt dafür 2000 den Innovationspreis der glasstec Düsseldorf. 2010 kam der Durchbruch, er erhielt den Auftrag für die Ernstings Bau & Grund dem neuen Hochregallager in Lette eine Fassade aus Solarmodulen zu geben.

Die Stiftung nahm dies zum Anlass, Nabo Gaß’ breites Repertoire und seinen virtuosen Umgang mit dem Medium Glas in einer Ausstellung zu präsentieren. Dabei ist er der Stiftung schon lange vertraut, 2006 erwarb sie drei Arbeiten aus seiner Werkreihe „Short moments“. In seiner aktuellen Ausstellung nimmt Nabo Gaß die Herausforderung an, sein Werk in einen lebendigen Dialog mit der Stiftungssammlung zu setzen.

Wir laden Sie ein zu dieser spannenden Vernetzung von Kunstwerken und Geschichten!

 

Fotos von links:

Nabo Gaß, Das Kleid, das sie nie wieder trug, 2010 – Foto Nabo Gass

Nabo Gaß, Short moments, 2006 – Foto Horst Kolberg

Nabo Gaß, Balance 1, 2010 – Foto Nabo Gass

Nabo Gaß, Maria-Maria, 2008 – Foto Frank Widmann

 

Drei tschechische Meister

Sie kommen aus Tschechien, sie sind Professoren und ihr künstlerisches Medium ist das Glas. Doch das ist alles, was sie verbindet. Gleichwohl die große Glastradition ihrer Heimat die Quelle ihrer Inspiration ist, geht jeder seinen eigenen Weg in Stil, Technik und Inhalt. Blickt man auf die Geschichte des böhmischen Glases, so versteht man ihre künstlerische Herkunft, denn in der Welt von Kunst und Design ist tschechisches Glas schon seit langem ein internationales Markenzeichen. Böhmisches Glas galt bereits vor Jahrhunderten als begehrter Exportartikel, und es waren tschechische Künstler, die in den 50er Jahren die künstlerische Ausdruckskraft des Materials erkannten. Als Professoren geben Bílek, Plesl und Stanický ihr Können auch an die nachfolgende Generation weiter: Die Arbeiten ihrer Studenten hat die Stiftung bereits in einer eigenen Ausstellung im Winter 2011/12 im Glasmuseum präsentiert – jetzt stellen wir Ihnen die Meister dahinter vor:

Ilja Bílek leitet seit 1996 das Glasstudio der Jan-Evangelista-Purkynĕ-Universität in Ústí nad Labem. Seine Skulpturen aus Glas sind frei von Posen und visueller Effekthascherei – mit ihrer konzentrierten geometrischen Formensprache scheinen sie vielmehr einer eigenen tieferen Logik zu folgen. Trotz der bisweilen fast asketischen Zurückhaltung in Form, Farbe und Bearbeitung des Materials, strahlen Bíleks Werke eine starke innere Dynamik aus.

Rony Plesl ist seit 2008 Leiter des Glasstudios der Akademie für Kunst, Architektur und Design in Prag sowie seit 2011 Direktor der Abteilung für Angewandte Kunst. Als international gefragter und preisgekrönter Spitzendesigner arbeitet er seit langem mit großen Glasdesignfirmen zusammen – erst 2011 wurde er in Tschechien als „Designer of the year“ ausgezeichnet. Charakteristisch für seine Werkreihen ist die Form. Sie ist klar konturiert und meist Träger einer raffinierten Schlifftechnik. Beide zusammen gehen eine Symbiose ein, die nur mit dem Medium Glas realisiert werden kann.

Petr Stanický leitet das Glasatelier der Tomas BataUniversität in Zlín seit seiner Gründung im Jahr 2008. Für ihn ist das Glas kein Selbstzweck, sondern ein Medium, um gesellschaftliche Themen und die Beziehung zwischen Mensch und Natur künstlerisch zu reflektieren. Mit einer freien, ungezwungen Formensprache kombiniert er dabei Glas auch mit Metall oder Holz.

Haló – Ahoj, Ilja Bílek, Rony Plesl und Petr Stanický!

 

Fotos von links:

Rony Plesl, Samurai, 2011 – Foto Jaroslav Kviz

Petr Stanický, Factory building I, 2011 – Foto Lubomír Ančinec

Rony Plesl, Guard 1+2, 2010 – Foto Jaroslav Kviz

Ilja Bílek, Annäherung, 2010 – Foto Ilja Bílek

„Mit viel Gefühl und ruhiger Hand…“

An der Glasfachschule Zwiesel haben Schüler und Lehrer ein gemeinsames Ziel: Ihrer Leidenschaft für den Werkstoff Glas Ausdruck zu geben – mit handwerklichem Know-how und kreativen Ideen, „mit viel Gefühl und ruhiger Hand“, wie eine Schülerin es treffend formulierte. Die Begeisterung für das Material mit seinen schier unbegrenzten Möglichkeiten, das Zusammenspiel von Formen und Farben, die Faszination des heißen Glases und die Freude an der Veredelung des kalten Glases prägen hier die Ausbildung.

Inmitten des Bayrischen Waldes mit seiner großen Glastradition hat sich die Glasfachschule Zwiesel zu ei­nem der modernsten Kompetenz­zentren für Gestaltung, Handwerk und Technik im Bereich Glas in Eu­ropa entwickelt. Gegründet wurde die älteste Glasschule Deutschlands bereits 1904. Dank eines zukunftsorientierten Managements trotzt sie allen Umbrüchen in der Glaswirtschaft und bietet eine hervorragende Infrastruktur für die Aus- und Weiterbildung. Junge Menschen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zieht es nach Zwiesel, um kreativ gestalterisch zu arbeiten, sich in der Technik weiterzubilden oder einen glashandwerklichen bzw. industriellen Beruf zu erlernen. Viele renommierte Glaskünstler kommen aus der Glasfachschule Zwiesel, zum Teil engagieren sie sich dort auch als Lehrkräfte. In der Berufsfachschule erhalten die Schüler eine umfassende Ausbildung, die je nach Schwerpunkt von der Glasmalerei über Glasveredelung wie Gravur, Schliff und Flachglasbearbeitung, gestalterisches Glasblasen bis hin zum kreativen Glasmachen am Studioofen reicht. Eine schnelle Umsetzung von Konzepten im Heißglasbereich ermöglicht dabei die Lehr- und Versuchsglashütte der Schule. Neu an der Glasfachschule Zwiesel ist die Ausbildung für kreatives Produktdesign.

Dass alle Schüler Glas in ihren Genen tragen, bezeugen ihre ausgestellten Arbeiten. Allesamt spiegeln sie den hohen ästhetischen und handwerklichen Anspruch der dortigen Ausbildung wider. Begleitet wird die Ausstellung von Hans Wudy, der seit 1997 mit großem Erfolg als Schulleiter wirkt, und Franz Xaver Höller, renommierter Künstler und seit 1981 engagierter Lehrer an der Glasfachschule Zwiesel.

 

Fotos von links:

Markus Marschmann, Heimat und Ferne, 2011 (Glasfachschule Zwiesel, Abt. Lampenglas) – Foto Horst Kolberg

Doris Heymel, Schale, 2006 (Glasfachschule Zwiesel, Abt. Produktdesign) – Foto Gunther Fruth, Franz X. Höller

Alina Li, Gesellenstück, 2006 (Glasfachschule Zwiesel, Abt. Kaltveredelung) – Foto Gunther Fruth, Franz X. Höller

Michael Stangl, Heimat und Ferne, 2011 (Glasfachschule Zwiesel, Lampenglas) – Foto Gunther Fruth, Franz X. Höller

Frühwerk

 Das renommierte Institut für Künstlerische Keramik und Glas, kurz IKKG, ist eine Abteilung der Hochschule Koblenz. Dass es seinen Sitz in Höhr-Grenzhausen hat, ist kein Zufall: Im südlichen Westerwald, dem „Kannenbäckerland“, ist im Laufe der Jahrhunderte eine einzigartige keramische Kultur entstanden, die bis heute die ganze Region prägt. Um diese enge Verzahnung von Handwerk, Technik und Kunst zu bewahren bzw. weiterzuführen, wurde das IKKG 1987 zunächst als Institut für Künstlerische Keramik gegründet. Im Jahr 2000 kam schließlich die Klasse Freie Kunst Glas neu dazu, die heute sowohl das Institut als auch die Region enorm bereichert. Als eine der wenigen international hochrangigen Einrichtungen der bildenden Kunst bietet das IKKG seither talentierten jungen Leuten eine umfassende praktische und künstlerische Ausbildung in den Materialfeldern Keramik und Glas. Die Studiengänge wurden 2007 erstmals mit den Abschlüssen Bachelor und Master of Fine Arts akkreditiert – damit steht das Institut auf Augenhöhe mit den führenden Kunstfakultäten Europas.

Am IKKG ist das künstlerische Studium darauf ausgerichtet, die Begabung des Studierenden in Einklang mit seiner Persönlichkeit zu bringen. Zentrum des künstlerischen Prozesses ist das eigenständige, materiale Denken – Idee, Konzept, Kritik, Reflexion, Technik, manuelle Fähigkeiten und Neugier sind Mittel auf diesem Weg. Das Studium bietet Raum, Fragen zu formulieren, deren kreative Beantwortung zur Lebensaufgabe des jungen Künstlers werden kann. Der Werkstoff, das Medium Glas ist dabei ein Angebot, Ideen, Themen oder Emotionen reizvoll wie komplex zu transportieren bzw. sichtbar zu machen. Noch immer sind die Facetten des Glases keineswegs ausgelotet, denn seine Bandbreite bietet den künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten großen Raum. Am IKKG entstehen außergewöhnliche, spannungsreiche Installationen, Skulpturen, geblasene und gegossene Glasobjekte, z.T. auch in Verbindung mit verschiedenen anderen Materialien, die allesamt sinnlich und still Stationen des Lebens erzählen.

Spannende Einblicke in die Arbeit der Glasklasse hatte bereits unsere erste gemeinsame Ausstellung „Experiment Glas“ im Frühling 2008 ermöglicht. Nun freuen wir uns auf die aktuellen Werke der neuen Glas-Generation am IKKG. Die Studenten werden von zwei anerkannten Künstlern begleitet: Prof. Jens Gussek, seit 2011 Leiter der Glasklasse, und Prof. Ingrid Conrad-Lindig, die bis zu ihrer Emeritierung 2011 das Institut führte.

 

Fotos von links:

Anne Petters, Notizen, 2013 – Foto Horst Kolberg

Michéle Janata, Raum, 2013 – Foto Masami Hirohata

Judith Röder, Kristall-Konstruktion II, 2013, Leihgabe Judith Röder  – Foto AHH

Lena Feldmann, o.T., 2013 – Foto AHH

Masters of Glass – Meister ihres Faches

Der große Erfolg unserer Ausstellung „Made in NRW – Staatspreisträger des Landes NRW in der Sparte Glas“ im Jahr 2007 hat uns inspiriert, einmal den Blick auf das gesamte Land zu richten. Denn für Spitzenleistungen und Innovationskraft im künstlerischen Gestalten werden auch in einigen anderen deutschen Bundesländern seit vielen Jahrzehnten Staatspreise vergeben. Bayern etwa ehrt jedes Jahr international renommierte Künstler und Kunsthandwerker, Hessen hat bei der jährlichen Preisvergabe deutsche Künstler im Fokus, während NRW alle zwei Jahre Künstler auszeichnet, die in NRW leben und arbeiten.

Meister ihres Faches in dieser einmaligen Ausstellung sind

  • der Düsseldorfer Michael Behrens, der 2009 vom Land NRW für seine in das Glas übertragene Inspiration aus der Unterwasserwelt geehrt wurde
  • der Niederländer Bert Frijns, der 2012 die Bayerische Staatspreis-Jury mit einer Installation aus großformatigen Vasen aus Flachglas beeindruckte
  • der Klever Wilfried Grootens, der 2011 mit seinem laminierten Glaskubus aus Flachglas und einem sich verändernden Innenleben die nordrhein-westfälische Jury überzeugte
  • die Göttingerin Gabriele Küstner, die 2012 in Hessen ihre Auszeichnung für den schöpferischen Umgang mit der uralten Technik des verschmolzenen Glasmosaiks empfing
  • die Japanerin Ritsue Mishima, die 2012 für ihre in Murano mundgeblasene Arbeit „Tre Gole“ mit dem Bayerischen Staatspreis geehrt wurde, weil sie fernöstliche Formensprache mit europäischer Glastechnik vereint.

Alle Künstler haben sich mit ihrem individuellen Arbeitsstil in der Welt der Glaskunst etabliert – der Staatspreis setzt in ihrer Karriere ein deutliches Zeichen. Ihr Zusammenspiel in dieser Werkschau ist für alle Beteiligten erstmalig. Die Stiftung ist stolz, dass Arbeiten von diesen arrivierten Künstlern schon seit vielen Jahren zur Sammlung gehören.

 

Fotos von links:

Wilfried Grootens, Where the shark bubbles blow 10-13, 2013 – Foto Norbert Heyl

Ritsue Mishima, Tre Gole, 2009 – Foto Horst Kolberg

Gabriele Küstner, Mosaikteller 4.E.2013 – Foto Gabriele Küstner

Bert Frijns, Zwei Vasen, 2012 – Foto AHH

Michael Behrens, Seaforms 2013-74, 2013 – Foto Nele Siebel

Poesie im Alltag

Alltag bedeutet für viele Menschen Routine und Langeweile. Die stete Wiederholung vertrauter Abläufe bietet Sicherheit und Geborgenheit, doch sie belebt gleichzeitig auch den Wunsch, einmal auszubrechen und sich auf die Suche nach dem Besonderen und Unerwarteten zu begeben, den Alltag spontan zu einem Festtag zu machen. Eine Sehnsucht, die alle erwachsenen Menschen verbindet – unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft und gesellschaftlicher Stellung. Um das Alltagsjoch abzuschütteln und wieder Zauber ins Leben zu bringen, handelt jeder sehr individuell. Der eine richtet sich seine Wohnung neu ein, der andere verschönt sein Äußeres mit neuen Dingen oder aber bringt mit ein paar Blumen Farbe ins Leben. Manch einer krempelt sein ganzes Leben um, begibt sich auf eine Flucht vor dem Alltag, die selbst wiederum zu einem Fallstrick werden kann.

Das Kunststück, hier die Balance zu halten und sich mit dem unvermeidlichen Alltag zu arrangieren, magische Momente in der vermeintlichen Tristesse zu finden, hat auch Künstler inspiriert. Ihre Suche nach der Poesie im Alltag dokumentiert unsere gleichnamige Ausstellung. Die Glassammlung erweist sich bei diesem Thema als eine enorme Quelle: Ein sehr großer Teil des Bestandes reflektiert den alltäglichen Gegenstand, seien es Schalen, Vasen, Flaschen oder Dosen. Auch Assoziationen mit unterschiedlichen Textilien sind häufig zu finden. Dabei entrückt die Kunst den Gegenstand wie in einer Metamorphose aus seiner Alltagsrealität – er mutiert von einem zweckgebundenen Gebrauchsgegenstand zum unabhängigen Kunstwerk. Dem Betrachter eröffnet sich ein neuer Blick auf die dingliche Welt, die ihn jedem Tag umgibt. Kunst macht auch aufmerksam auf die unglaubliche Ästhetik ganz normaler Alltagsartikel. Die Künstler entlassen die Gegenstände aus ihrer Banalität, schenken sogar einer Säge oder einer Schere eine neue Aufgabe und verleihen holländischen Holzpantinen einen glamourösen Auftritt.

Entrücken Sie dem Alltag und tauchen Sie einmal ab. Gute Reise!

 

Fotos von links:

Patula Berm, Memories of Lavander, 2007 – Foto Richard Willebrands

Louise Rice, Safe as Houses , 2003 – Foto Ron Zijlstra

Caroline Prisse, Dutch Cinderella, 1997 – Foto Ron Zijlstra

Drew Smith, o.T., 1980 – Foto Ron Zijlstra